Glosse: Grüne Spießbürger

Von Stefan Meetschen

Ein Lächeln lag auf dem Gesicht von Jürgen Trittin, dem Chef der grünen Bundestagsfraktion. Die Gesellschaft habe sich gewandelt, räsonierte er mit Blick auf die grünen Wahlerfolge in Baden-Württemberg und Stuttgart. Es gebe immer noch Bürger, aber keine Spießbürger mehr wie in den 1950er Jahren. Das Bürgertum sei nach links gerückt.

Trittin muss es wissen. Während des Studiums bereits Mitglied des Kommunistischen Bundes hat er es nie gescheut, die antifaschistische Kampfzone soweit wie möglich auszudehnen. Immer schön ausgehend vom eigenen, extrem linken Standpunkt. Eine nachträgliche Distanzierung von der dunkelroten Vergangenheit sucht man bei Trittin (anders als bei dem ersten grünen Ministerpräsidenten und Bundesratspräsidenten Winfried Kretschmann) vergeblich. Wieso auch? Kommunistischer Sturm-und-Drang mit Ökostreifen ist modern. Stalin, Pol Pot, Mao und Fidel haben zwar Leichenberge hinterlassen, das linke Lebensgefühl und Denken ist davon aber unbelastet.

Umso erstaunlicher ist es nun, zu erleben, mit welcher Lustlosigkeit Künast, Roth und Trittin sich durch den internen grünen Urabstimmungswahlkampf für die Spitzenkandidatur 2013 schleppen. Gestern noch bei der Bilderberger-Konferenz, heute Basis-Demokratie in der Provinz. Schon klar, dass man darauf als etablierter Altgrüner keinen besonders großen Bock hat. Mag man in Interviews mit schmeidigem Lächeln auch stereotyp das Gegenteil sagen. Das Bürgertum ist heute wirklich linker. Spießig ist es aber immer noch. Protest-spießig.