Glosse: Gleichstellung beim Fensterln

Wer den bayerischen Volksstamm nur vom Hörensagen kennt, stellt sich darunter modernitätsresistente Bauern vor, die sich bevorzugt in Gesellschaft von Kühen aufhalten, deren Sprache deshalb aus unartikulierten Lauten besteht, denen Gamsbart-Hut, Lederhose, Dirndl und Haferlschuhe angewachsen sind, die nicht nur römisch-, sondern erzkatholisch sind und die obskure Bräuche pflegen, als da wären: Schnupfen, Maßkrugstemmen, Schuhplatteln, Jodeln oder Fingerhakeln. Vor allem aber: Was wäre ein Bayer ohne Fensterln? Dieses nächtliche Liebeswerben auf Leitern hat es der Fantasie von Malern, Komödiendichtern und Nichtbayern angetan. Es ist ein Klischee, mit dem sich mehr oder weniger geistreich spielen lässt, meistens weniger.

Studenten der Universität Passau wollten besonders originell sein und kamen die Idee, das Fensterln in das Programm einer Spaß-Sportveranstaltung aufzunehmen. Dabei haben sie jedoch die Rechnung ohne die Gleichstellungsbeauftragte gemacht, indem sie diese Disziplin weiblichen Wettbewerbern vorenthielten. Der Einspruch dagegen kam prompt. Weil jedoch eine Änderung des Reglements nicht mehr möglich war, wurde das Fensterln abgesetzt. Dass ein übles, die Gleichstellungsbeauftragte beleidigendes Geschimpfe die Folge war, ist für den Internetkundigen keine Überraschung. Umso mehr verdient die Haltung der Veranstalter betont zu werden, die sich davon distanzieren. Falls die Passauer Studenten wieder einmal ein Spaß-Sportfest mit Fensterln im Sinn haben sollten, mögen sie bitte bedenken, dass 1. durchaus auch Frauen diesen Brauch pflegen und dass 2. selbst im hinterwäldlerischsten Bayern auch das Vorkommen von jungen Männern, die nachts mit einer Leiter dem Fenster ihrer Holden zustreben, eher gering ist. Bernhard Huber