Glosse: Gesundpendeln geht nicht

Von Bernhard Huber

Bis heute hält sich das Gerücht, der Mensch sei im Laufe seiner Geschichte sesshaft geworden. Dagegen spricht, dass Fluglotsen- oder Lokführerstreiks großen Schrecken verbreiten, dass immer noch monströsere Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, dass ohne Reservierung eine bequeme Bahnreise unmöglich ist und dass keiner mehr ohne „Mobil“-telefon aus dem Haus geht. Der Mensch mag sesshaft geworden sein, aber Nomade ist er geblieben, ganz besonders der Pendler. Auf den hat sich das Interesse britischer Wissenschaftler gerichtet. Sie haben herausgefunden, dass Pendler, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen, den autofahrenden gesundheitlich überlegen sind.

Dies lässt auf einen recht beschränkten Gesundheitsbegriff schließen. Die Forscher hatten wohl noch nie das blutdrucksteigernde Vergnügen, in einer S-Bahn von unbefestigten Skiern halb erschlagen zu werden, was zugegeben eher selten vorkommt. Was hingegen regelmäßig vorkommt, sind olfaktorische Attacken auf Nasenschleimhäute, die von Fahrgästen geritten werden, die entweder ihre Morgentoilette mit cremigen Substanzen vollenden oder die auf dem Weg in die Arbeit ihr Frühstück einzunehmen pflegen, das mit großer Wahrscheinlichkeit aus aufdringlich duftenden coffein- und taurinhaltigen Getränken besteht. Hinzuweisen ist auch auf den notorischen Platzmangel in dauerüberfüllten Zügen, in denen sich Sardinen wohlfühlen mögen, sofern sie tot sind. Mag also der Zugpendler gesünder sein als der Autopendler, gesundpendeln kann auch er sich nicht.