Glosse: Gehen oder bleiben?

Von Stephan Baier

„Macht verschleißt nur den, der sie nicht hat“, sagte Giulio Andreotti, Talleyrand zitierend. Beide wussten, wovon sie sprachen: Andreotti, der im stets krisengeschüttelten Italien von 1947 bis 1992 an 33 Regierungen beteiligt war, als Ministerpräsident oder Minister für irgendwas, der also die Kontinuität jenseits aller Brüche verkörperte; und der geniale Opportunist und Diplomat Talleyrand, der sich gleich einem Chamäleon der Oberflächenfarbe jedes Systems anpasste, und so immer eine tragende Rolle spielte. Beide nahmen die Mühen der Machtausübung auf sich, wohl wissend, dass die Macht, wenn man sie einmal abgibt, nicht einfach verschwindet oder verdampft, sondern – horribile dictu! – von anderen ausgeübt wird. Da lässt man die Hand doch lieber selbst am Steuer, auch wenn man gerade nicht „bella figura“ macht.

Ja, das weiß auch Silvio Berlusconi, der wieder mal einen parlamentarischen Putschversuch knapp überlebt hat. Das weiß Weißrusslands ganz unvergleichlicher Präsident Lukaschenko, der mit Prügelpolizisten und Beugehaft klarstellt, dass er allein der große Demokrator ist. Umso mehr erstaunt eine Nachricht aus dem schönen Montenegro: Zwei Jahrzehnte lang hat Milo Djukanovic seine privaten Interessen problemlos mit seiner Rolle als mächtiger Archont seines Landes vereinbaren können. Am Dienstag trat er als Regierungschef zurück! Verträgt er den vielen Schnaps nicht mehr oder sind die Auslandskonten bereits randvoll? Alles nur ein PR-Gag oder will der sich gar zum König ausrufen lassen? Oder hat er nicht gelesen, dass Kroatiens Ex-Premier Ivo Sanader in U-Haft sitzt und die ukrainische Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko wegen Veruntreuung angeklagt wurde? So schnell, Herr Djukanovic, verschleißt die Macht jene, die sie nicht mehr haben!