Glosse: Frage an Radio Eriwan

Von Johannes Seibel

Frage an Radio Eriwan: Kann der Heilige Vater in Rom über den Tiber laufen? Antwort: Im Prinzip ja, aber aus guten Gründen verzichtet er auf dieses Zeichen. Überquerte er nämlich trockenen Fußes den Tiber, würde das zwar den Römern alle Zukunftsängste nehmen, in Deutschland jedoch drohten Verhältnisse, wie sie das Buch Genesis 1,2 mit Tohuwabohu umschreibt, also einer wüsten Wirrnis, was der Papst verhindern wolle. Denn würde er tatsächlich übers Wasser laufen, so würden das die einen Kommentatoren der Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Anstalten von Mainz über Frankfurt und München bis Hamburg als einen Akt der interreligiösen Intoleranz gegenüber allen denjenigen Religionsführern scharf kritisieren, die beim Versuch, ihrerseits übers Wasser zu wandeln, naturgemäß ertrinken – und darin den weiteren Beleg eines triumphalistischen, reaktionären Kirchenbildes erblicken, das so viel Unheil in der Geschichte angerichtet habe, und mit dem der Papst weit hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückfalle, weshalb sein Pontifikat trotz des Wasserwunders in Wahrheit Schiffbruch erlitten habe und er zurücktreten solle; während gleichzeitig andere Kommentatoren alternativ dem Papst entschieden empört vorhielten, dass er nicht weit genug übers Wasser vorwärtsstürmte, um die frohe Botschaft allen zu bringen, da er lediglich über den Tiber und nicht sogleich auch über Mosel, Rhein, Elbe und von dort über Atlantik sowie Pazifik trockenen Fußes schritt, weshalb hinwiederum seine Mission gescheitert sei und er ergo demissionieren müsse. Zusatzfrage an Radio Eriwan: Kann es der Papst Journalisten in Mainz, Frankfurt, München und Hamburg überhaupt recht machen? Antwort: Im Prinzip, äh, ... nein!