Glosse: Fernsehen und Nächstenliebe

Von Stefan Rehder

Der Philosoph Nicolás Gómez Dávila pflegte die Menschen in zwei Gruppen einzuteilen. In jene, „die an die Erbsünde glauben“ und in „die Schwachköpfe“. Wie viele Köpfe die erste Gruppe in Deutschland noch zählt, weiß niemand. Von der Größe der zweiten Gruppe bekommt jedoch eine Ahnung, wer sich die TV-Einschaltquoten ansieht. Diesen zufolge haben am Samstag auf RTL 5,84 Millionen Menschen zur besten Sendezeit „Deutschland sucht den Superstar“ gesehen. Zu späterer Stunde verfolgten auf dem gleichen Kanal offenbar 6,22 Millionen Menschen die zweite Folge der jüngsten Staffel des „Dschungelcamps“. Und das, obwohl ARD, ZDF, SAT 1 und Vox mit einem „James Bond“-Spielfilm, einer neuen Folge der Krimi-Serie „Stubbe – Von Fall zu Fall“ sowie den Kino-Blockbuster „Mission Impossible 2“ und „Braveheart“ vergleichsweise „hohe Unterhaltung“ anboten. Von anderen Möglichkeiten, einen Abend zu gestalten – in Gesellschaft von Freunden, mit einem Konzert- oder Theaterbesuch oder gar mit der Lektüre eines Buches – ganz zu schweigen. Dabei ist das Schlimmste nicht einmal, dass es in einem 80 Millionen-Volk mindestens 6,22 Millionen Schwachköpfe gibt, die sich unterhalten fühlen, wenn sich C- und D- und Promis, die niemand vor sich selbst schützt, vor laufender Kamera bis auf die Knochen blamieren. Schlimmer ist, dass ganz Deutschland das für ein lohnendes Thema hält. Nach dem Motto: „Hast Du gesehen, wie der Bohlen den XX fertig gemacht hat?“ In solchen Situationen kann es ein Akt gelebter Nächstenliebe sein, klarzustellen, so etwas komme einem nicht ins Wohnzimmer. Oder man bestellt dem Betreffenden einfach mal „Grüße vom Niveau“ und teil ihm mit: „Es bedauerte, dass Ihr Euch nur noch selten trefft“.