Glosse: Endlich wieder Sommerzeit

Große Ereignisse werfen ihre langen Schatten voraus. Die Umstellung der Uhren auf Sommerzeit ist in jedem Jahr ein besonderes Erlebnis, das in der Gegenwartskultur die Rituale des Frühlingsanfangs verdrängt hat. Nicht mehr der Osterspaziergang mit dem Blick auf eisbefreite Garagenzufahrten, sondern die Uhrumstellung signalisiert dem Menschen unmissverständlich, dass sich der Winter verabschiedet hat. Und das ist – wie ich bereits schrieb – ein ganz besonderes Erlebnis. Also, eigentlich müsste ich gar nichts weiter tun, denn die Funkuhr stellt sich automatisch um. Von 1:59 Uhr springt sie halt auf 3:00 Uhr und nicht auf 2:00 Uhr. Das ist alles. Aber seit einigen Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Prozess ganz bewusst zu begleiten, zur Sicherheit. Man kann ja nie wissen. Vertrauen ist gut, nachts um 1:59 Uhr gebannt auf das Ziffernfeld des Weckers starren, ist besser.

Und dann ist es ja auch ein faszinierendes Phänomen, wenn die Uhr – jeder Logik zeitlicher Kontinuität zum Trotz – von 1:59 Uhr ohne Umschweife auf 3:00 Uhr springt. Ich bin dann immer so aufgeregt, dass ich meine Frau wecken muss. „Guck mal, Schatz: Sommerzeit!“ Ich überlege mir, ob man dieses Umstellungsprozedere nicht zu einer Art Silvesternachfeier ausbauen könnte. So mit Countdown und Sekt. Und alten Rockkonzerten auf 3sat. Ich meine, dass die Uhrumstellung kommerziell noch gar nicht richtig ausgeschlachtet ist. So ganz ohne Partymeile am Brandenburger Tor. Da ist noch Luft nach oben. Vielleicht findet sich im Herbst wenigstens eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich mit mir den Funkwecker anschauen will, wie er von 2:59 Uhr auf – oh, Zeiten und Sitten – 2:00 Uhr zurückspringt. Einfach so. Wie von Geisterhand. Überlegen Sie es sich. Es gibt Sekt. Josef Bordat