Glosse: Ein Hirn auf Einkaufstour

Das menschliche Gehirn ist ein großartiges Organ. Mit ihm kann sich der Mensch nicht nur in Widersprüche verwickeln, sondern über diese auch noch reflektieren. Leider folgt daraus nicht, dass der Mensch auch schon bereit wäre, jeden Widerspruch, den er als solchen erkennt, auch wieder aufzulösen. So würde etwa kein Mensch bestreiten, dass eine Wäsche des Gehirns in jedem Fall eine Verletzung der Rechte seines Besitzers darstellt. Dennoch kennt jedes Hirn mindestens einen Eigentümer eines anderen, bei dem es eine gründliche Hirnwäsche befürworten würde. Ins Visier gar vieler Gehirne dürfte jetzt eines geraten sein, das sich tagein, tagaus mit anderen Hirnen beschäftigt. Es gehört dem südafrikanischen Neurowissenschaftler Henry Markram und hat das „Human Brain Project“ aus der Taufe gehoben. Bei der Europäischen Union hat Markrams Hirn nun Forschungsgelder in Höhe von einer Milliarde Euro beantragt. Mit ihnen will es binnen zehn Jahren ein Computerprogramm entwickeln, das menschliche Gehirne simulieren können soll. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was all die anderen Hirne von Markrams Hirn halten: „Bei dem piept's wohl!“ „Will im Kaufhaus des Lebens richtig abräumen.“ „Wo kommen wir hin, wenn jeder so dreist wäre?“

Vermutlich bei den Dinosauriern. Die haben bereits bewiesen, dass man es auch mit einem ziemlich kleinen Gehirn ziemlich weit bringen kann. Wer weder Millionen Jahre zurückgehen, noch eine Milliarde Euro in den Sand setzen will, wird sich daher wohl an Jostein Gaardner erinnern, der dank seines Hirns in „Sofies Welt und das Kartengeheimnis“ notierte: „Wenn unser Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so dumm, dass wir es trotzdem nicht verstehen könnten.“ Stefan Rehder