Glosse: Die Stunde des Sternchens

Das Sternchen ist rechts außen in der oberen Hälfte einer Tastatur zu finden, wird kaum gebraucht und sieht so aus: *. Als Nicht-Buchstaben kann man es nach Belieben mit Sinn befüllen – oder mit Unsinn. Neuerdings wird es im Kampf für die schriftsprachliche Geschlechtergerechtigkeit verwendet: Es soll die männlich-weiblichen Konturen der Hauptwörter neutralisieren. Diesbezügliche Unzulänglichkeiten unserer Sprache sind indessen schon länger bekannt. Vielleicht hat Jean Paul deshalb die „Dichtin“, Robert Walser die „Abgeordnetin“, Rainer Maria Rilke die „Schützlingin“ erfunden. Jedenfalls wird bis heute blindwütig an der Sprache herumexperimentiert, als wäre sie eine Säge, mit der man auch Gänseblümchen pflücken möchte. Kein Unfug blieb unversucht, um der Ebenbürtigkeit von Männ- und Weiblich Ausdruck zu verleihen. Legendär ist das „I“, das in geschriebenen Wörtern wie ein Mahnmal aufragt und doch nur den femininen Appendix eines maskulinen Nomens einleitet. Da so etwas aber kaum zu lesen und noch weniger auszusprechen ist, werden generalisierende Maskulina alternativ dazu mit einem „und“ um ihre feminine Entsprechung ergänzt. Das hört sich in Reden allerdings wie eine schnell gelesene Zutatenliste an. Man erinnere sich nur an Ex-Bundeskanzler Schröder, der „Rentnerinnnnrenter“ sagte, wenn er „Rentnerinnen und Rentner“ meinte. Deshalb begnügen sich inzwischen selbst emanzipierte Frauen wieder mit der maskulinen Verallgemeinerung. Doch das ist die Stunde des dadaistischen Geist atmenden *. Schon lädt die erste durchgegenderte Partei zum „Bürger*innendialog“ ein. Ob die Bürger*innen das auch goutieren? Die haben zwar ihre Freude an Sprachspielereien, lassen sich aber nicht gerne mit willkürlichen Regeln verbesserwissern, wie die Rechtschreibreform unseligen Angedenkens gezeigt hat. Bernhard Huber