Glosse: Die Kälte nach dem Frühling

Was für ein Tag, der Frühling ist da. Plötzlich und warm. Mit über 20 Grad. Wie gut das tut. Wie schön wäre es jetzt, weiter über Sonnenschein, blühende Wiesen und Frühlingserwachen zu sinnieren. Der alte Geheimrat aus Weimar ließe sich auspacken, sein Osterspaziergang könnte noch halbwegs termingerecht genussvoll zitiert werden. Sechzig Zeilen lang ließe sich in sonnenbeschienenen Frühlingsgefühlen schwelgen, aber das kann heute nicht unser Thema sein. Denn es geht um etwas anderes, um Angela Merkel.

Gestern war es genau 15 Jahren her, dass die Pastorentochter aus Mecklenburg-Vorpommern den Vorsitz der CDU übernahm. Alle, die damals beim Parteitag in Essen dachten, Merkel sei eine geschickte Übergangslösung, haben sich inzwischen als Übergangskronprinzen aus der Politik zurückgezogen, sind bei Postenvergaben in der Partei übergangen worden oder sind unter dem Eindruck eines nun bereits 15 Jahre währenden Übergangs zu treuen Gefolgsleuten der Überfigur der CDU geworden.

„Wir sind wieder da!“, versprach die Ex-Generalsekretärin ihrer Partei damals in Essen. Heute sind es 5 479 Tage, dass sie da ist, an der Spitze der CDU. Am 12. September wird sie Konrad Adenauer überholen, der 5 632 Tage der CDU vorstand. Um auch Helmut Kohl (9 279 Tage) zu überrunden, muss Angela Merkel noch eine ganze Weile weitermachen. In der CDU hoffen das viele – teils aus Überzeugung, teils aus Sorge. Denn nach Merkels Modernisierungskurs heißt der Markenkern der Partei jetzt Angela Merkel. Womit wir dann doch mit einem Frühlingsbild schließen können: Merkels Popularitätswerte blühen wie Forsythien in der Frühlingssonne. Diese leuchtende Farbenpracht überstrahlt die Dürre im Rest des Gartens. Wenn der Blütenrausch erst einmal vorbei ist, wird die CDU feststellen, dass auf diesen Frühling kein Sommer folgt. Wolfgang Paulus