Glosse: Die FIFA, eine Religion

„Gott ist tot“ (Friedrich Nietzsche), „Die Beatles sind berühmter als Jesus Christus“ (John Lennon) – es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ein weiterer großer Philosoph und Popstar zur Rolle des Glaubens in der modernen Welt zu Wort melden würde. Am Sonntag war es soweit. Sepp Blatter, seit 1998 Präsident des Weltfussballverbandes FIFA, hält seinen Verband für einflussreicher als jede Religion. „Die FIFA ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion“, sagte der 79-Jährige der Schweizer „Sonntags-Zeitung“. Blatters Begründung: „Wir bewegen Massen. Das wollen wir nutzen, um mehr Frieden, Gerechtigkeit und Gesundheit auf der Welt zu schaffen“. Dies, so der gelernte Volkswirt, sei seine „Mission“. Hat die FIFA also die traditionellen Weltreligionen abgelöst? Offenbar ja. Voll innerer Bewegung erinnern wir uns an die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien und die damit verbundenen Massenvertreibungen von Menschen, die dem Bau der Sportstätten im Weg standen und die Verschwendung öffentlicher Mittel. Das waren wirklich ganz große positive Emotionen, welche der FIFA-Religionsverband auslöste. Und so geht es weiter: Russland 2018, Katar 2022 – wer Frieden, Gerechtigkeit und Gesundheit will, kommt an diesen Spiel- und Pilgerstätten einfach nicht vorbei. Verheerende Arbeitsbedingungen und schleierhafte Ethikregeln müssen jemand wie Sepp Blatter, die personifizierte Selbstabsolution, nicht weiter kümmern. „Ich glaube an Gott. Und ich glaube an mich selbst.“ Amen? Stefan Meetschen