Glosse: Der Wert der Familie

Weihnachten, das ist das Fest der Liebe und der Familie! Kann man mit dieser simplen Botschaft an die Öffentlichkeit gehen? Löst man damit nicht ein Gähnen aus? Oder schlimmer noch: empörte Nachfragen? Etwa: Welche Form der Liebe denn und welche Form von Familie? Patchwork? Polyamid? Oder doch wieder nur das extrem ausgrenzende Heile-Welt-Stereotyp von Großeltern, Eltern und Enkeln? Eine Supermarktkette hat es gewagt, auf Basis dieses vermeintlichen Stereotyps einen Weihnachts-Werbespot zu schalten, und das Ergebnis ist gewaltig. Die Geschichte des Opas, der seinen Tod vortäuscht, um die Familie rund um den festlichen Essenstisch samt Tannenbaum zu versammeln, bewegt die Nation. Über 12 Million Mal wurde der Clip unter dem Stichwort #heimkommen bei Facebook bereits „geliked“. Auch bei Youtube haben Millionen Nutzer reingeschaut. Viele leiten den Clip weiter an Freunde und Familienmitglieder. Wie ist das zu erklären? In der Werbebranche ist man sicher: „Die Kampagne hat alles, was man zu Weihnachten braucht: großes Kino, einen tollen Cast, perfekt inszenierte Musik. Plus einen tiefen Insight (Einsicht), selbst wenn er den moralischen Zeigefinger erhebt. Moderner Content, wie er im Idealfall aussehen sollte“, schreibt das Fachblatt W&V. Gibt aber zu, dass auch ein anderer Supermarkt damit Werbung machen könnte. Doch: „Einer musste die Idee mal haben: Das, worüber sich Menschen an Weihnachten Gedanken machen, in ein grandioses Viral zu überführen: Den Wert von Familie und Gemeinschaft.“ Wir staunen. Stefan Meetschen