Glosse: Der König unter den Produkten

Von Stefan Rehder

„Wer weiß, dass er nichts weiß, weiß mehr als der, der nicht weiß, dass er nichts weiß.“ Was nicht bedeutet, dass Menschen, die diesen Satz des Sokrates verinnerlicht haben, nicht überrascht sein könnten, wenn sie – wie aus heiterem Himmel – damit konfrontiert werden, wie umfangreich ihr Nichtwissen in Wahrheit ist. Oder wussten Sie zum Beispiel, dass Katzen und Hunde „mit Tendenz zum Übergewicht, ein hochwertiges, nährstoffreiches Futter mit geringem Kaloriengehalt“ benötigen? Oder dass heute „Premium-Hundefutter“ angeboten werden, deren Rezepturen „exakt auf die unterschiedlichen Bedürfnisse“ der Vierbeiner abgestimmt sind, und diese – je nach „Rasse, Haltungsbedingungen, Aktivitätsniveau, Alter und Ernährungsprofil“ – „erheblich differieren“ können?

Wir wussten das nicht. Wohl auch deshalb haben wir stets alle jene bewundert, die bedenkenlos beim „Chinesen um die Ecke“ einkehrten. Wobei auch an uns nicht vorbeigegangen ist, dass „Premium“ ein Zauberwort zu sein scheint. Da baut die Auto-Industrie schon seit Jahren neben normalen Autos auch Fahrzeuge für die „Premium-Klasse“. Brauereien brauen neben den üblichen Gerstensaft-Getränken auch „Premium-Biere“. Man kann einen „Premium-Haarschnitt“ erwerben. Ja, es soll sogar Bäume geben, an denen nur „Premium-Äpfel“ wachsen. Bei den meisten Mobilfunkanbietern kann man heute nicht nur ein „Premium-Handy“ erstehen, sondern man kann – wenn man es gar nicht mehr aus der Hand legt – dort auch selbst als „Premium-Kunde“ geführt werden. „Premium“ (lat.: praemium) steht, wie uns das Lexikon aufklärt, für exzellente Produkte, deren hohe Qualität überdurchschnittlichen Preise rechtfertigen sollen. Kein Wunder also, dass es immer noch keine „Premium-Politik“ gibt.