Glosse: Das versteigerte kulturelle Kapital

Was ist nur bei den amerikanischen Auktionshäusern los? Erst vor kurzem meldeten wir, dass ein Werk des irischen Malers Francis Bacon (1909–1992) für sage und schreibe 142, 4 Millionen Dollar (106 Millionen Euro) versteigert worden ist und der „Balloon Dog“ des noch lebenden Pop-Artisten Jeff Koons für 58, 4 Millionen Dollar im Rahmen einer Auktion den Besitzer wechselte – doch damit nicht genug. Inzwischen schlagen sich unsere amerikanischen Freunde auch meistbietend um Lesestoff. Anfang Dezember wird bei Sotheby's das Manuskript für den Bruce Springsteen-Hit „Born to Run“ versteigert. Der sogenannte „Boss“ schrieb die Verse des Rock-Klassikers im Jahr 1975 auf liniertes Heftpapier. 100 000 Dollar (74 000 Euro) erhofft sich Sotheby's von dem Liedtext, der von zwei verliebten Ausreißern handelt. Und das ist noch ein Spottpreis, wenn man bedenkt, dass Bob Dylan's Rock-Hymne „The Times They Are A-Changin'“ bereits für 422 000 Dollar unter den Hammer kam. Nun hat man es als Europäer natürlich leicht, über derartige Praktiken mitleidig den Kopf zu schütteln. Ach, die armen Amerikaner, keinen Shakespeare, keinen Goethe und auch keine Beatles – müssen sie sich also doch tatsächlich – frei nach Bourdieu – mit ihren seichten Rockschlagern das eigene, dünne kulturelle Kapital aufplustern. Mag sein. In dieser Woche aber wurde bei Sotheby's auch das „Bay Psalm Book“ aus dem Jahre 1640 für 14 Millionen Dollar (10, 3 Millionen Euro) versteigert. Rock 'n' Pray around the clock – das hat dann doch etwas. Stefan Meetschen