Glosse: Das Rad der Zukunft

Im Unglück finden selbst Kontrahenten wie die Auto- und die Fahrradbranche zueinander. „Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten“, so ein Insider, „können wir einpacken.“ Worum geht es? Nach Neuerfindung der Armbanduhr, der Brille oder des Autos, die von Google durchdigitalisiert worden sind, plant der Internetriese aus dem Silicon Valley jetzt offenbar auch noch die Neuerfindung des Rades. Dass es sich dabei um eine Unmöglichkeit handelt, ist das eine. Das andere ist, dass hinter dieser abstrusen Idee eben jener Monsterkonzern stecken soll, der allen Unkenrufen zum Trotz sämtliche Straßen der Welt fotografiert, sämtliche Bücher Seite für Seite digitalisiert und der mit algorithmischer Hilfe aus einer simplen Suchmaschine eine Goldgrube gemacht hat. Als Google daran ging, die Besten der Autobranche abzuwerben, wusste jeder, der Markt würde bald umgekrempelt. Inzwischen ist bekannt, dass Google das fahrerlose Auto zur Serienreife bringen will. Wenn nun zu beobachten ist, wie der Konzern weltweit Radingenieure an sich zu binden sucht, ist die Aufregung verständlich. Dabei ist die Nachfrage nach Rädern eben aufgrund des globalen Digitalisierungsprozesses auf einem historischen Tiefstand und in der Folge natürlich auch die Preise.

Was hat Google vor? Wie wird das Rad der Zukunft aussehen, wenn es sich dieser Digitalriese tatsächlich als Neuerfindung unter den Nagel gerissen hat? Falls das gelingen sollte, wirkt sich das, so die einhellige Einschätzung von Analysten, erst einmal belebend auf den Radmarkt aus. Langfristig aber wird jede Radbewegung die Kasse beim Inhaber der weltweiten Patentrechte im Silicon Valley klingeln lassen. Nicht einmal mehr das kleinste Rädchen im Weltgetriebe wird sich dann ohne Google drehen.

Bernhard Huber