Glosse: Das Picknick vor dem Mauerfall

Von Stefan Meetschen

Wem verdanken wir den Fall der Berliner Mauer? In Polen ist die Antwort darauf einfach: Lech Walesa, der Gewerkschaft „Solidarnosc“ und Johannes Paul II., die das Ende des Kommunismus mit mutigem Engagement vorbereiteten. In der Bundesrepublik ist man dagegen eher der Meinung, dass Michail Gorbatschow, der frühere Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Mauer zu Fall brachte und zwar, weil er nichts tat. Er hätte ja, als sich Ossis und Wessis im Herbst 1989 an der Mauer neu begegneten, auch militärisch eingreifen (lassen) können. Falsch ist das alles nicht. Doch eine Ergänzung sei trotzdem gestattet. Heute am 19. August vor 25 Jahren fand nämlich an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) ein sogenanntes „Paneuropäisches Picknick“ statt, bei dem auf Einladung des Veranstalters Otto von Habsburg auch Hunderte von DDR-Bürger dabei waren. Diese nahmen eine für drei Stunden als Teil des Picknicks angedachte symbolische Öffnung des Grenztors dann ganz wörtlich und wandelten vorbei an den ebenso verdutzten wie besonnen reagierenden ungarischen Grenzposten in die Freiheit. Österreichischer Boden – Rettung vor der Diktatur! Dadurch wurde das Picknick unbestritten zu einem Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung. Aber hoppla! Das hieße ja, der Mauerfall ist die Leistung eines Österreichers! Gemach, gemach – Otto von Habsburg besaß immerhin auch die Staatsbürgerschaften von Kroatien, Ungarn und Deutschland.