Glosse: Das Jesus-Gold suchen

Heiß war der Sommer, extrem trocken und sonnig. Für die polnischen Pilzsucher steht fest: in diesem Herbst muss in den Wäldern des Landes nach etwas anderem gesucht werden als nach den ein- bis vielzelligen Lebewesen, die das Essen schmackhaft machen, aber nur bei Regen gedeihen. Nach was also? Seit ein Pole und ein in Polen lebender Deutscher der Presse mitgeteilt haben, dass sie wissen, wo ein sagenhafter Nazi-Zug mit Gold verborgen sei – in Niederschlesien, genauer gesagt am Kilometer 65 (oder 61?) der Bahnlinie Breslau (Wroclaw)–Waldenburg (Walbrzych) – zieht es viele Touristen zur vermuteten Fundgrube. Wenn nicht Pilze, dann eben Gold. Was spricht dagegen? Bislang konnten die vermeintlichen Finder der interessierten Öffentlichkeit nur ein selbstgebasteltes Bodenradarbild zeigen, das schön aussieht, aber – wenn es authentisch wäre – das Gold in einer Tiefe von 50 Metern lokalisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass das betreffende Gebiet inzwischen von der Polizei abgesperrt wurde. Auch aus Sicherheitsgründen für die Sucher. Nicht auszuschließen, dass die Nazis, welche an sich schon sehr böse waren, die von ihnen in dieser Region angelegten unterirdischen Gänge und Stollen, in denen der Goldzug vermutet wird, mit Minen und Munition gesichert haben. Diese könnten auch mit 70 Jahren Verspätung noch leicht hochgehen. Da haben es die überzeugten Katholiken des Landes leichter. Wissen diese doch, dass man Schätze im Himmel sammeln soll. Das geheimnisumwitterte Jesus-Gold – garantiert Motten-, Minen- und Pilz-frei. Stefan Meetschen