Glosse: Das Geheimnis der Anarchie

Der Präsident hat es erwogen, und der Präsident hat entschieden: Am 14. Dezember, so ließ Giorgio Napoletano vorgestern verlauten, stimmen die beiden Kammern des italienischen Parlaments über den Misstrauensantrag ab, der Silvio Berlusconi den politischen Hals brechen soll. Da ist bald Weihnachten. Und weil auch Politiker Geschenke kaufen und Päckchen packen müssen, dürfte in den Tagen danach gar nichts mehr geschehen. Dann kommen die Weihnachtsferien und Sylvesterpartys, frühestens im März also wäre das Land für Neuwahlen bereit. Die aber werden nichts bringen. Denn eine Alternative zu Berlusconi gibt es nicht. Die politische Lähmung, die Italien nun seit Monaten erlebt, bleibt dem Land noch bis auf weiteres erhalten.

Da sorgt die Nachricht für Verwunderung, dass der Stiefelstaat im Sog der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise gar nicht so schlecht dasteht. Italien ist weder Griechenland, noch Irland oder Portugal. Die Bauern holen den Wein und die Oliven ein, die Züge fahren unpünktlich wie eh und je, der Fußball rollt und begeistert die Herzen. Hin und wieder locht die Polizei eine Bande von Mafiosis ein. Das Leben geht weiter und der Verdacht drängt sich auf, dass es in einem Land wie Italien auch ganz gut ohne Regierung geht. Da wo Landwirtschaft und Kultur, stolze Städte und mächtige Familienclans, geistliche Orden, Handel und Gewerbe schon über zweitausend Jahre lang tiefe Spuren und eingefahrene Wege hinterlassen haben, erscheint einem der ganze demokratische Zirkus wie überflüssiger Firlefanz. Die Anarchie lebt – und man lebt in ihr ganz gut. Nur den Präsidenten, den möchte man nicht missen. Denn irgendwer muss ja entscheiden, wann das Spektakel auf der Bühne der Politik in die nächste Runde geht. Guido Horst