„Glaube hat im Islam eine besondere Bedeutung“

Professor Rémi Brague, Religionsphilosoph auf dem Guardinilehrstuhl in München, zur Erklärung von Katholiken und Schiiten

Wie schätzen Sie die Erklärung von Vatikan und schiitischen Theologen zu Glaube und Vernunft ein? Ist das wirklich eine religionspolitische Sensation?

Mein Gesamteindruck ist positiv. Gespräche zwischen katholischen Theologen und muslimischen Gelehrten sind nicht neu. Eine gemeinsame Erklärung dagegen ist neu und verdient Beachtung. Da die Schiiten eine Hierarchie entwickelt haben, die derjenigen der katholischen Kirche ähnelt, sind Kontakte leichter.

Sprechen aber alle tatsächlich von derselben Sache? Verstehen Muslime unter Glaube und Vernunft dasselbe wie Katholiken?

Das war schon die Gefahr im Dialog mit den Kommunisten: auch sie wollten den „Frieden“, den „Fortschritt“, und so weiter. Sie meinten aber gar nicht dasselbe wie wir. „Glaube“ hat im Islam eine besondere Bedeutung. Für die Christen ist der Glaube eine Entscheidung des Willens, eine nicht evidente Wahrheit anzunehmen. Nicht so im Islam. Für ihn ist beispielsweise das Dasein Gottes nicht geglaubt, sondern konstatiert als eine Evidenz. „Vernunft“ ist auch gefährlich. Der Islam versteht sich als durchaus vernünftig, im Unterschied zum Christentum, das Unerhörtes verkündet – einen gekreuzigten Gott. Wenn der Islam nur Selbstverständliches predigt, warum braucht man aber überhaupt eine Offenbarung? Der Koran ruft zum Gebrauch des 'aql auf. Er soll aus den Wundern der Welt die Größe des Schöpfers vernehmen. Das arabische Wort bedeutet einfach „Grips“; später wurde es mit „Vernunft“ übersetzt. Die Philosophen haben diese Verse gebraucht, um ihre Tätigkeit zu legitimieren. Ist es aber die Vernunft, die Muhammad als den Gesandten Gottes und seine Botschaft im Koran als das Wort Gottes anerkennt?

Gibt es zwischen Sunniten und Schiiten Unterschiede in der Bewertung des Vernunftbegriffs?

Im 10. Jahrhundert versuchten sich die Schiiten eine Metaphysik zu geben, indem sie dem Platonismus einige Begriffe entnahmen, auch den „Intellekt“, nochmals 'aql genannt. Sonst bewerten Sunniten und Schiiten die Vernunft in derselben Weise. Die Unterschiede sind eher politischer Natur.

Es gab in der Vergangenheit Ansätze einer rationalen Aufklärung des Islam. Das ist lange her. Wieso haben sich andere Strömungen durchgesetzt?

Es hat in der islamisierten Welt Freidenker gegeben, wie der persische Arzt Razi (gest. 925). Sie waren aber keine Moslems mehr, da sie die Prophetie verwarfen. Im 9. Jahrhundert verteidigten zwar die vielbesungenen Mu'taziliten die menschliche Freiheit als Prinzip, ließen aber ihre Gegner vom Kalifen verfolgen. Ab dem 11. Jahrhundert herrschten eine literalische Rechtsschule und Mystik, dazu auch eine Apologetik, die auf die Idee der Natur verzichtete und alles vom Willen Gottes abhängen ließ. Die Vernunft war nicht mehr notwendig.

Sehen Sie im gegenwärtigen Islam überhaupt das theologische Potenzial einer Aufklärung? Das heißt, kann man gläubiger Muslim und überzeugter Bürger eines Rechtsstaats sein?

Die heikle Frage ist die nach dem Ursprung des Rechts. Für einen gläubigen Moslem existiert nur ein Gesetzgeber, und zwar Gott. Er hat sein Wort dem Muhammad diktiert. Er hat ihn „gereinigt“ und zum „schönen Vorbild“ gemacht, das man immer nachahmen kann. Dass ein Gesetz nur von Menschen – beispielsweise Abgeordneten – herrührt, ist undenkbar. Geschweige denn, dass es dem Koran und dem Vorbild des Propheten zuwiderläuft.