Gewaltlosigkeit als der bessere Weg

In London beginnen die Feiern zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela

Wenn Nelson Mandela, ehemaliger Präsident Südafrikas und Galionsfigur des Anti-Apartheidskampfes, 90 Jahre alt wird, dann wird dies gebührend gefeiert. Obwohl sich Mandela seit geraumer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, will er an dem Fest zu seinen Ehren am 27. Juni in London teilnehmen. Organisiert wird die Geburtstagsparty zu Ehren Mandelas von der Organisation „46664“. Der Verein wurde von Mandela selbst gegründet und setzt sich für den Kampf gegen Aids ein. Der Name ergibt sich aus seiner Häftlingsnummer, die ihm in seiner 27-jährigen Gefangenschaft zugeteilt wurde. Mandela verbüßte die Strafe als erbitterter Kritiker des Apartheidssystems in Südafrika. Er avancierte dadurch zu einer weltweiten Leitfigur im Kampf für Menschenrechte und wurde mit Martin Luther King auf eine Stufe gestellt. Die Veranstalter haben es sich zum Ziel gesetzt, exakt 46 664 Tickets für je 65 Pfund (83 Euro) zu verkaufen. Seinen eigentlichen Geburtstag feiert Nelson Mandela allerdings erst am 18. Juli. Im stillen Kreis, heißt es.

Mandelas Lebensgeschichte liest sich wie eine Legende: Vom Hirtenjungen in der Transkei zum Anwalt in der Goldstadt Johannesburg, vom Angeklagten Nummer eins im „Rivonia-Prozess“ zum lebenslänglich Inhaftierten auf Robben Island, vom berühmtesten Gefangenen der Welt zum ersten schwarzen Staatspräsidenten Südafrikas. Heute symbolisiert Nelson Mandela wie kaum ein anderer Politiker dieses Jahrhunderts die Friedenshoffnungen der Menschheit und den Gedanken der Aussöhnung aller Volksgruppen dieser Welt. Seine trotz langer Haft ungebrochene Charakterstärke und Menschenfreundlichkeit haben ihn zum Mythos werden lassen.

Was Mandela vollbracht hat, wird oft als das südafrikanische Wunder gepriesen: Mit seinem unermüdlichen Einsatz für Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen hat er das Land vor einem Bürgerkrieg bewahrt. „Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft vertreten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben“, sagte Mandela schon 1963, als er im sogenannten Rivonia-Prozess wegen Sabotage und Aufruhr vor Gericht stand. Hier wurde Mandela des Hochverrats, der Sabotage und der Verschwörung angeklagt. Dem Prozess war die Durchsuchung des ANC-Untergrundhauptquartiers auf einer Farm in Rivonia, einem Vorort von Johannesburg, vorausgegangen. Im Prozess übernahm Mandela selbst die Verteidigung und sagte in seinem Plädoyer am 20. April 1964, er sei einer der Gründer des „Umkonto we Sizwe“ (Speer der Nation) gewesen, des militärischen Arms des „African National Congress“ (ANC). Als der „Rivonia-Prozess“ begann, saß Mandela bereits eine andere Haftstrafe ab. Weil er zum Streik aufgerufen und Südafrika ohne Ausreisegenehmigung zwischenzeitlich verlassen hatte, war er zuvor bereits zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Im Juni 1964 wurde er dann zu lebenslanger Haft verurteilt – wegen „Terrors, kommunistischer Aktivitäten und des Versuchs, die Regierung zu stürzen“. Das gelang ihm erst später – am Verhandlungstisch.

Etwa 27 Jahre saß Mandela für seine Überzeugungen im Gefängnis. Als sich die politischen Verhältnisse unter dem damaligen Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk änderten, geschah das für viele Unfassbare: Im Februar 1990 wurde Mandela aus der Haft entlassen. In seiner ersten öffentlichen Rede bezeichnete er sich als „gewöhnlichen Menschen, der unter außergewöhnlichen Umständen zu einem politischen Führer geworden ist“. Zusammen mit de Klerk erhielt Mandela 1993 den Friedensnobelpreis und stand als erster Schwarzer ein Jahr später an der Spitze des Staates. Mandela führte sein Land aus der politischen Isolation. „Die Unterdrückten und die Unterdrücker gleichermaßen zu befreien“, so beschrieb er das überragende Ziel seiner Präsidentschaft. Als er 1999 das Zepter an Thabo Mbeki abgab, schrieb ihm UN-Generalsekretär Kofi Annan: „Ihr Erbe ist eines der großartigsten des 20. Jahrhunderts.“

Es gab Schattenseiten dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Vor allem hat Mandela Zeit seines Lebens unter Schuldgefühlen gelitten, weil er seine Familie seiner politischen Sache geopfert hat. Einsamkeit, Fremdheit und Trennung waren die Folge und durch keine Kameradschaft, keinen Erfolg zu ersetzen. Und die heute so oft bejubelte Einigkeit der so genannten Regenbogennation ist Wunschdenken. Auch Jahre nach dem Ende der Apartheid sind schwarz und weiß noch lange nicht eins. Sie leben weitgehend in getrennten Welten. Viele Weiße, vor allem die Afrikaans sprechenden Buren, fühlen sich bedroht und an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Affirmative action, ein Gesetz, das die zu Apartheidzeiten Benachteiligten zu bevorzugen und zu stärken versuchte, um sie gesellschaftlich gleichziehen zu lassen, sei heute Diskriminierung von Weißen, meinen viele Afrikaner. Fast 90 Prozent aller Afrikaans sprechenden Weißen sagen, sie sähen keinerlei Perspektiven mehr für sich in Südafrika. Vor allem weil sie keine Jobs bekämen, denn erst werden schwarze Frauen, dann schwarze Männer, dann Farbige und schließlich Weiße bei gleicher Qualifikation berücksichtigt.

Es ist ohnehin ein Mythos, dass der Wandel in Südafrika durch den mannigfaltigen Druck und die Sanktionen der Weltgemeinschaft zustandegekommen ist. An der „stillen Revolution“ haben vor allem jene vielen Schwarzen mitgewirkt, die die Zusammenarbeit mit den Weißen suchten. Dass sie dies gegen den erklärten Willen des ANC und seiner militanten Anhängerschaft taten, die das Land seinerzeit bewusst in ein Chaos stürzen wollten, ist ein offenes Geheimnis.

Auch die meisten weißen Apartheid-Gegner waren und sind nicht in der Lage, die Leistungen dieser Menschen anzuerkennen. Dies passt einfach nicht in ihr Bild vom Schwarzen, den sie sich nur als hilfloses Opfer der Unterdrückung und nicht als Partner der Weißen vorstellen konnten. Dass es sich bei dieser Einschätzung um eine besonders subtile Spielart von Rassismus handelt, wird übersehen.

Oft genug mussten diese Schwarzen ihren guten Willen zur Kooperation mit den Weißen etwa als Gemeinderäte, Polizisten oder Sportler damit bezahlen, dass sie als „Verräter“, „Kollaborateure“ oder „Pseudoweiße“ gebrandmarkt wurden, wenn ihnen nicht durch das Abbrennen ihrer Häuser, durch die Entführung von Familienangehörigen oder durch die von der berüchtigten Winnie Mandela propagierten Halskrausenmorde („weißen-freundliche“ Verräter wurden mit dem Verbrennungstod durch einen um den Hals gehängten brennenden Autoreifen, dem „necklacing“ bestraft). Sie haben jedenfalls wesentlich zur Rassenversöhnung beigetragen und hätten es verdient, in einem höheren Maße am Aufbau des sogenannten neuen Südafrika beteiligt zu sein als jene damals bequem im Exil lebenden ANC-Kader, die, weltweit hofiert von willfährigen Politikern und Medien, von einer Anti-Rassismus-Party und Anti-Apartheid-Kundgebung zur anderen jagten und jetzt den Kurs eines Landes mitzubestimmen suchen, von dessen vielschichtiger Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten sie im Grunde keine Ahnung hatten.

Mandela steht für das Ende der Apartheid und damit die Rückkehr des geächteten Südafrika in die Staatengemeinschaft. Sein Nachfolger Mbeki arbeitet an seinem eigenen Denkmal, nämlich als Architekt der wirtschaftlichen und politischen Emanzipation des Landes in die Geschichtsbücher einzugehen. Will Südafrikas Wirtschaft den Anspruch erfüllen, der Motor für den gesamten Kontinent zu sein, dann muss Mbeki die Gewaltkriminalität unter Kontrolle bringen, die nicht nur Investoren abschreckt, sondern die besten Köpfe des Landes in einem stetigen Aderlass ins Ausland treibt. Und er wird sich endlich eine Strategie gegenüber dem Nachbarn Simbabwe und dessen despotischem Präsidenten Mugabe überlegen müssen, den er, aller Kritik zum Trotz, nach wie vor mit Samthandschuhen behandelt.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2007 Nelson Mandela besuchte, sagte sie, seine Botschaft laute: „Wir brauchen Frieden auf der Welt.“ Vor allem auch in Afrika müssten die Konflikte friedlich gelöst werden, habe Mandela ihr erklärt. Sein eigenes Beispiel habe gezeigt, dass Gewaltlosigkeit am Ende der bessere Weg sei. „Imini yokuzalwa emnandi“, alles Gute zum Geburtstag – in der Muttersprache Mandelas, Xhosa.