„Getroffene Hunde bellen“

Erzbischof Georg Gänswein weist Kritik aus Deutschland an Papst Benedikt zurück. Von Oliver Maksan

Buchpräsentation "Benedikt XVI. Letzte Gespräche"
Kurienerzbischof Georg Gänswein und Buchautor Peter Seewald bei der Vorstellung des Buches „Letzte Gespräche“ in München. Foto: KNA
Buchpräsentation "Benedikt XVI. Letzte Gespräche"
Kurienerzbischof Georg Gänswein und Buchautor Peter Seewald bei der Vorstellung des Buches „Letzte Gespräche“ in München... Foto: KNA

München (DT) Deutlich hat Kurienerzbischof Georg Gänswein Kritik am neu erschienenen Interviewband „Letzte Gespräche“ Papst Benedikts XVI. zurückgewiesen. „Getroffene Hunde bellen“, meinte der langjährige Privatsekretär des emeritierten Papstes am Montag bei der Vorstellung des Buches im Münchener Literaturhaus vor Journalisten. Gänswein reagierte damit auf Äußerungen des Chefredakteurs der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“, Pater Andreas Batlogg SJ. Dieser hatte Papst Benedikt, der in seinen Antworten auf die Fragen des Journalisten Peter Seewald unter anderem die Gewerkschaftsmentalität von Mitarbeitern in der kirchensteuerfinanzierten Kirche Deutschlands kritisiert hatte, am Freitag im „Deutschlandfunk“ „stilloses und taktloses Verhalten“ vorgeworfen. „Dieses Buch sollte es nicht geben“, so der Jesuit. Dem Einwand Batloggs, dass auch Joseph Ratzinger als Erzbischof von München und Freising Teil des jetzt von ihm kritisierten Systems gewesen sei, entgegnete Gänswein: „Die Behauptung, Joseph Ratzinger sei selbst Teil des Systems gewesen, überzeugt nicht. Ein solches System kann man nicht in ein paar Jahren verändern.“ Aus den im Buch getätigten Äußerungen des emeritierten Papstes spreche jetzt vielmehr die Sorge eines alten Hirten, der wisse, wovon er spreche.

Entscheidend im neuen Buch, so der Erzbischof weiter, sei, dass es die Gründe für den Amtsverzicht des Papstes im Februar 2013 erkläre. „Ich sehe die Gründe für den Rücktritt Tag für Tag“, so Gänswein mit Blick auf den geistig wachen, aber zunehmend gehbehinderten Papst. „Der Papst macht im Buch deutlich, dass dieser Schritt keine Flucht war. Er sagt da, dass man nicht gehen dürfe, wenn es einem Davonlaufen gleiche oder es verlangt werde. Im Sturm muss man vielmehr standhalten. Papst Benedikt ist aber überzeugt, dass sein Haus wohlbestellt war, als er den Herren Kardinälen den Staffelstab zurückgegeben hat. Außerdem hat niemand den Rücktritt verlangt. Auf die Frage, ob er seinen Rücktritt bedauere, hat er deshalb mit einem klaren Nein geantwortet.“ Gänswein hob in diesem Zusammenhang eine Begebenheit aus den Jugendjahren des Papstes hervor, die auch für ihn neu gewesen sei. Der als dienstverpflichteter Flakhelfer eingesetzte 17-Jährige habe sich im Frühjahr 1945 kurz vor Kriegsende von der Stellung entfernt und sei nach Hause gegangen. Diese vom Papst betonte schlafwandlerische Sicherheit trotz der mit der Fahnenflucht verbundenen drohenden Folgen sei womöglich ein Schlüssel, um das zweite Nachhausegehen des zurücktretenden Papstes zu verstehen.

Das Buch mache des Weiteren deutlich, dass Sichtweisen, es gebe einen Bruch zwischen Papst Benedikt und seinem Nachfolger Franziskus, nicht haltbar seien. „Papst Benedikt sieht neue Akzente, aber keinen Bruch oder Gegensätze. Er hat nicht mit der Wahl Kardinal Bergoglios gerechnet. Als er ihn aber am Fernseher auf die Loggia treten sah, war er froh und glücklich angesichts der Menschenzugewandtheit und dem Gebet des neuen Papstes.“ Papst Benedikt freue sich über die neue Frische in der Kirche, die Papst Franziskus verbreite, betonte Gänswein.

Der Erzbischof fragte in seinem Vortrag abschließend, ob das Buch als das Testament des Papstes betrachtet werden könne. „Sein Testament finden wir in seiner Lehrtätigkeit als Papst und natürlich seinen Jesusbüchern. Auch die anderen Interviewbücher sind ein Schlüssel.“ Das neue Buch hingegen leiste auf unspektakuläre Weise eine letzte Dekonstruktion seines alten Bildes bei Freund und Feind. „Papst Benedikt ließ es im Buch nirgends zu, dass man ihn aufs Podest hebt. Er entmythologisiert sich selbst.“ Benedikt XVI. wirke im Gespräch mit Seewald wie ein unschuldiges Kind. „Er ist dabei ein Kind des Heiligen Geistes, das neben brillianten Analysen auch erzählen kann, wie er sich an Spielen wie „Mensch ärgere dich nicht“ erfreuen kann. Trotz überragender Intelligenz und Bildung ähnelt er nirgends dem Gernegroß und Großinquisitor, als der er von seinen Nicht-Freunden verzerrt und verzeichnet wurde“, so Gänswein. „Das zu verdeutlichen ist vielleicht eines der wichtigsten Verdienste des Buches.“