Geteiltes Land, geteilte Erwartungen

Der eine vertritt Israel beim Vatikan, der andere die Palästinenser – Im Doppel-Interview mit der „Tagespost“ offenbaren

die Antworten der beiden Gesandten, wie heikel die Nahost-Reise Papst Benedikts werden wird

Im vornehmen römischen Stadtviertel Parioli liegen die beiden Botschaften des Staates Israel – vereint unter einem Dach: Sowohl die diplomatische Vertretung bei der Republik Italien als auch die beim Heiligen Stuhl. Schranken und massive, aus der Straßendecke ragende Stahlsäulen würden es selbst tonnenschweren Fahrzeugen unmöglich machen, vor dem Gebäude „vorzufahren“. Schwer bewaffnete Soldaten der italienischen Armee, die auf dem abgesperrten Stück Straße patrouillieren, unterstreichen den Eindruck, dass diese Botschaft eine Festung ist.

Insgesamt vier Kontrollen inklusive eines gründlichen Sicherheits-Checks muss man überwinden, bis man endlich vor Mordechay Lewy sitzt, dem beim Vatikan akkreditierten Botschafter Israels. Der spricht fließend Deutsch, ist seit einem Jahr im Amt und hat jede Menge zu tun. Der Besuch Benedikts XVI. im Heiligen Land wirft seine Schatten voraus. Und den 61. Jahrestag der Gründung des Staates Israel lässt Botschafter Lewy jetzt, wenige Tage vor dem Abflug des Papstes, im großen Stil begehen: Das „katholische Rom“ ist zum Konzert und Empfang in die „Villa Aurelia“ geladen, einem prächtigen „palazzo“ hoch über Trastevere auf dem Gianicolo, der der „American Academy“ gehört. Für jeden Gast an diesem feierlichen Abend hat Botschafter Lewy kleine Abzeichen zum Anstecken besorgen lassen, die eng verschlungen die israelische und die vatikanische Fahne zeigen.

Alles das hat der palästinensische Vertreter nicht vorzuweisen. Auch den gibt es in Rom. Seit Dezember 2007 leitet Armali Chawki die Repräsentanz der PLO beim Heiligen Stuhl, er ist der höchste diplomatische Vertreter der Palästinenser beim Vatikan. Nur residiert er nicht im schönen Parioli, sein Büro liegt in einem gewöhnlichen Vorort unweit des Autobahnrings. Auch einen feierlichen Abend zur Staatsgründung kann Chawki nicht ausrichten, denn einen palästinensischen Staat gibt es nicht. Doch beide, Lewy und Chawki, waren bereit zum Interview mit der „Tagespost“– getrennt natürlich, weshalb sie auch nicht wissen konnten, dass ihnen haargenau die gleichen Fragen vorgelegt wurden.

Es geht um das Heilige Land und die bisher wohl schwierigste Auslandsreise des deutschen Papstes. Lewy ist ein humorvoller Mann. Er blättert in einer Zeitschrift, bis er auf die Fotografie einer alten Karte des Heiligen Lands stößt, die als Fresko im Apostolischen Palast zu sehen ist. Das Foto zeigt ein Gebiet, das in etwa das heutige Israel, Jordanien, Syrien und den Libanon sowie die Westbank und Gaza umfasst – ohne Grenzen und trennende Mauern. „Wissen Sie, warum ich diese Karte so sehr liebe?“, fragt Lewy schmunzelnd seinen Interviewer. „Das ist Groß-Israel!“, ruft er aus und lacht.

Ob alle Menschen in ihrer Heimat Benedikt XVI. erwarten oder ob es nur einige Politiker oder religiöse Führer und wenige Medien sind, die an den Papstbesuch denken, lautet die erste Frage an die beiden Gesandten. „Es ist sicherlich für das offizielle Israel ein ganz großes, ein historisches Ereignis – genauso, wie wir den Papst-Besuch vor neun Jahren erlebt haben“, meint Botschafter Lewy und fügt aber gleich hinzu: „Diejenigen in Israel, die bisher keine Lunte gerochen haben, werden es sicherlich beim Besuch selbst merken, denn das Land wird auf dem Kopf stehen, und das nicht nur wegen der Aufregung, sondern auch wegen der Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen. Und das ist wahrscheinlich ein Grund dafür, warum die Pilgerunternehmen ihre Pilger nicht scharenweise zum Papstbesuch bringen werden, weil sie wissen, dass man nur einen Platz aussuchen kann und man nur schwer von einem Platz zum anderen kommen kann. So war es vor neun Jahren und so wird es auch diesmal sein. Das Land wird auf dem Kopf stehen und das wird keinem entgehen.“

Weitaus politischer ist die Antwort seines palästinensischen Kollegen: „Vor allem in dieser Zeit erwarten alle Palästinenser, Christen wie Muslims, dass dieser Besuch ihre Hoffnung auf den Friedensprozess erneuert, der zum Ende der israelischen Besatzung und zu einem eigenen, unabhängigen palästinensischen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt führen sollte“, erklärt Chawki. Aus diesem Grunde sei der Besuch des Papstes moralisch und psychologisch von hoher Bedeutung.

Ob der Papst auch mit einer politischen Friedensbotschaft zum israelisch-palästinensischen Konflikt willkommen sei oder ob er sich auf religiöse Fragen beschränken solle, lautet die nächste Frage. Botschafter Lewy antwortet knapp: „Ich glaube, dass niemand überrascht sein kann, wenn der Papst mit einer Friedensbotschaft kommt. Er steht dafür und ist bekannt dafür. Inwieweit diese Friedensvision in praktische Politik umgesetzt werden kann, muss dahingestellt bleiben.“

Anders der Palästinenser Chawki, er hebt zu einem kleinen Vortrag an: „Wir wünschen uns sehr, dass der Papst über politische Fragen redet. Wir leben nunmehr seit mehr als vierzig Jahren unter israelischer Besatzung. Israel ergreift mehr und mehr Maßnahmen in Jerusalem, um die Palästinenser aus der Stadt zu vertreiben und um zu verhindern, dass diese Stadt jemals eine Chance bekommen wird, Hauptstadt eines palästinensischen Staates zu werden, wie es von der internationalen Gemeinschaft und Amerika erhofft wird. Darum erhoffen wir von Seiner Heiligkeit eine Friedensbotschaft und erwarten ein Wort des Verständnisses und der Versöhnung, aber gleichzeitig würden wir gerne mehr hören als das, was er in seinem Segen ,Urbi et Orbi‘ gesagt hat. Er könnte zum Beispiel – wie es die internationale Gemeinschaft, die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die vielen Resolutionen der Vereinten Nationen tun – sagen, dass eine Zwei-Staaten-Lösung gefunden werden muss. Deshalb würden wir es sehr begrüßen, wenn er bei seinem Besuch und in seinen Gesprächen mit der israelischen Regierung betonen würde, dass der Friedensprozess fortschreiten muss.“

Auch bei der Frage nach ihrer persönlichen Vision vom Frieden im Nahen Osten hält sich Lewy zurück, während der Palästinenser wortreich antwortet. „Sie stellen mir eine Frage“, meint der israelische Botschafter leise lächelnd, „die Propheten beantworten sollten. In der Bibel gab es auch falsche Propheten, die bekanntlich gesteinigt worden sind – und ich möchte von diesem Schicksal nicht ereilt werden. Ich möchte mich jeder Prophezeiung enthalten. Ich stehe für Versöhnung, und zwar nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern, sondern zwischen Israelis und Arabern. Wir sind umgeben von einem Meer, das nicht nur aus Palästinensern besteht. Die zwei unabhängigen Staaten zeichnen sich für die Zukunft ab, aber das Problem ist, wie das zu schaffen ist.“

Chawki dagegen plädiert vehement für die Zwei-Staaten-Lösung und spart auch nicht mit Kritik an der neuen israelischen Regierung: „Ich glaube immer noch fest an die öffentliche Meinung auf israelischer und palästinensischer Seite. Viele Meinungsumfragen haben gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen gerne Frieden und eine Zwei-Staaten-Lösung sehen würde. Das Problem im Augenblick ist die Regierung von Benjamin Netanjahu und seinem Außenminister Avigdor Lieberman, dessen Positionen bekannt sind. Dies ist eine radikale, sogar extreme Regierung, in der alle rechts-extremen Parteien vertreten sind. In dieser Situation ist eine stärkere Beteiligung der internationalen Gemeinschaft dringend notwendig. Vor allem nachdem Präsident Obama seine Bereitschaft demonstriert und George Mitchell als seinen Sonderbeauftragten für die Region nominiert hat. Ich rede hier nicht nur vom Frieden zwischen Israel und den Palästinensern. Ich rede von der Wichtigkeit des Friedens zwischen Israel und allen arabischen und muslimischen Ländern. Da gibt es gar keine andere Lösung. Israel wird daraus Nutzen ziehen können, dieser Friede wird und muss für Israel Vorteile bringen. Bis jetzt sieht man leider noch keine bedeutenden Zeichen von Seiten Netanjahus und Liebermans. Im Gegenteil, in seiner Regierungserklärung vor der Knesset nannte Netanjahu die Voraussetzung, dass die Palästinenser Israel als einen jüdischen Staat akzeptieren müssen. Das sind Manieren, mit denen man sich nicht an einen Verhandlungstisch setzt. Von der Gründung Israels an ist nie gesagt worden, dass das ein rein jüdischer Staat ist, und man darf nicht vergessen, dass eine Million arabisch-israelischer Staatsbürger im Norden von Israel wohnt. Sogar in den Vereinbarungen von Oslo war nicht von einem jüdischen Staat die Rede, warum sollte er jetzt eine Voraussetzung für den Friedensprozess sein?“

Ob denn Jerusalem, das Juden, Muslims und Christen heilig sei, gemeinsame Hauptstadt Israels und eines palästinensischen Staates werden könne? „Ich kann diese Frage nicht konkret beantworten“, erklärt Botschafter Lewi, „aber eines kann ich sagen: Es wäre töricht zu glauben, dass die drei Religionsgemeinschaften, denen Jerusalem heilig ist, von selbst verdampfen. Bei jeglicher Lösung muss davon ausgegangen werden, dass Jerusalem im Stellenwert für alle drei bedeutend und heilig ist, was in eine mögliche Lösung eingebracht werden muss. Ob und inwiefern die Hauptstadt geteilt werden kann, wage ich nicht zu sagen. Ich glaube nicht, dass wir eine Lösung, die eine Teilung der Stadt nötig macht, befürworten könnten. Wir haben dafür auch genügend historische Beispiele wie in Berlin und anderswo, wo das eine sehr unnatürliche Lösung war.“

Chawki ist da wiederum entschiedener: „Jerusalem wird der Kompromiss für den Frieden sein müssen. Es wird nicht die erste Stadt sein, wo das so ist. Ich komme zum Beispiel gerade aus Belgien, und Brüssel ist jetzt die Hauptstadt für drei Regierungen: für die flämische Vertretung, für die wallonische und für die Stadt Brüssel – und sie koexistieren friedlich nebeneinander. Israel wird das natürlich ablehnen. Wir könnten uns aber zu Jerusalem etwas einfallen lassen und sind bereit, über alle Aspekte zu reden. Man darf nicht vergessen, dass immer noch mehr als dreihunderttausend Araber in Ostjerusalem leben, auch wenn Israel ganz Ostjerusalem mit Siedlungen umringt und mit allen Mitteln versucht, die Einwohner Ostjerusalems fernzuhalten, indem man zum Beispiel keine Baugenehmigungen mehr zum Wiederaufbau kaputter Häuser ausstellt.“

Hat der Besuch Johannes Pauls II. im Jahr 2000 in Israel Spuren hinterlassen, lautet die nächste Frage. Und welche Spuren könne der Besuch Benedikts XVI. hinterlassen? Für Lewy hat der Papstbesuch 2000 „in zwei fast operativen Fragen Spuren hinterlassen. Ich glaube, dass das Modell des jetzigen Papstbesuchs von dem vorangegangenen geprägt worden ist. Er ist in sehr vielen Bestandteilen sehr ähnlich – da fährt man nicht falsch. In zweiter Hinsicht wird mit dem jetzigen Besuch auch eine Tradition begründet und zementiert, dass ein jeder Papst das Heilige Land und uns in Israel besuchen kann. Und wir sind sehr dafür.“

Chawki hofft, dass der Besuch Papst Benedikts Spuren hinterlässt, „vor allem in dieser wichtigen Zeit, in der der Friedensprozess zum Erliegen gekommen ist. Die Leute erinnern sich immer noch an den bedeutenden Satz von Johannes Paul II., als er über die Mauer redete, an der Israel noch immer baut. Er sagte: ,Leuten brauchen keine Mauern, sie brauchen Brücken.‘“

Nach dem Besuch Johannes Pauls II. brach die zweite Intifada aus. Auf die Frage, ob nach dem Besuch Benedikts eine militärische Auseinandersetzung Israels mit Iran ausbrechen kann, will Botschafter Lewy nicht antworten – „das betrifft den Bereich der Prophezeiungen“ –, während sich der Palästinenser alarmiert zeigt: „Ich denke nicht, dass sich Israel alleine in solch ein Abenteuer stürzen würde“, meint Chawki, „ohne Einverständnis aus Washington. Aber bei so einer Regierung muss man sich auf jedes Abenteuer gefasst machen. Israel hat in den vergangenen zwei Monaten einige militärische Manöver abgehalten und alle Beobachter sehen darin eine Vorbereitung der israelischen Bevölkerung für den Fall eines Kriegs mit Iran. Die Zeichen sind nicht sehr aufmunternd. Das ist ein weiterer Grund für Washington, in dieser Angelegenheit einzugreifen, weil solch eine Konfrontation die ganze Region sehr bedrohen würde.“

Beide Gesandten haben eine klare Meinung, was Papst Benedikt in aller Deutlichkeit während seines Besuchs im Heiligen Land sagen soll: „Er soll bekräftigen“, meint Mordechay Lewy, „dass wir sehr gerne die christlichen und katholischen Pilger in Israel und im Heiligen Land empfangen. Und zweitens sollte in seinem Verhältnis und im Verhältnis der Kirche zum Judentum und zu Israel nach den verschiedenen Ereignissen in diesem Jahr, die manchmal auch bedenklich waren, nochmals ein ganz klares Wort zur Holocaust-Leugnung gesagt werden, aus theologischer Sicht. Denn in der praktischen Politik haben wir leider bei der letzten Durban-Konferenz gesehen, dass es noch einiger Anstrengungen bedarf.“ Eine knappe Antwort gibt Armali Chawki: „Wir erwarten von ihm, dass er unser Recht auf einen Staat bestätigt und Israel zu substanziellen Verhandlungen auffordert, die in einer gemeinsamen Friedensvereinbarung münden.“

Die abschließende Frage: Ob es für beide eine zusätzliche Besonderheit sei, dass mit Joseph Ratzinger ein Deutscher als Papst zu Besuch komme. „Wir sehen den Heiligen Vater vor allem als Oberhaupt der katholischen Kirche und als Staatsoberhaupt des Vatikan. Die Tatsache, dass er ein Deutscher ist, ist in diesem Fall zweitrangig“, meint Lewy – und sein Kollege Chawki sieht das ähnlich: „Ich persönlich bin Katholik. Aber die Tatsache, dass der Papst ein Deutscher ist, hat keine besondere Bedeutung für mich.“