„Gerade in diesen Zeiten sind Orte des Friedens wichtig“

Abt Benedikt M. Lindemann OSB von der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem zur aktuellen Situation im Heiligen Land

Abt Benedikt, wie erleben Sie die Stimmung angesichts der Eskalation in Gaza? Ist es so, dass das die Kämpfe doch relativ weit weg erscheinen?

Es ist eine seltsame Situation: Natürlich ist Gaza relativ entfernt – oder die Menschen versuchen, sich das einzureden. Im Moment geht das Leben hier in Jerusalem deshalb trotz alledem seinen relativ „normalen“ Gang. Wir spüren schon, dass die Menschen Angst vor einer möglichen Ausweitung haben. Die große Sorge ist, dass die Hisbollah vom Libanon her nochmals Raketenangriffe starten könnte. Also, die Menschen hier sind alle sehr bedrückt, sie stehen unter Schock, auch wenn nach außen hin alles in geordneten Bahnen verläuft.

Die Benediktiner auf dem Zionsberg engagieren sich seit langem in der Friedensarbeit. Könnte man versucht sein, von einem Scheitern dieser Friedensbemühungen zu sprechen...

Nein, das ist kein Scheitern solcher Basisinitiativen. Im Gegenteil: In der jetzigen Situation sind solche Initiativen umso mehr gefragt. Gerade in diesen Zeiten sind Orte des Friedens ganz wichtig. In der vergangenen Woche haben wir zu einem geistlichen Konzert eingeladen. Und da kamen Christen, Juden und Muslime, es kamen Palästinenser und Israelis. Wir hatten den Eindruck – und das wurde uns von den Leuten auch bestätigt –, dass alle in dem Gefühl vereint waren: Wie gut tut es, wenigstens für anderthalb Stunden abzuschalten und an einem ruhigen Ort zu sitzen, wo wir gemeinsam etwas von einem tieferen Frieden verspüren!

Sie fühlen sich also in Ihrer Friedensarbeit bestätigt?

Ja, denn es ist ganz, ganz notwendig, dass wir vielleicht wenigen, aber doch einigen Menschen solche Orte des Friedens geben können. Bei unserem jüngsten Konzert war ich wieder einmal erstaunt, wie die verschiedenen Gruppen, Christen, Juden, Muslime miteinander umgegangen sind, miteinander im Gespräch waren. Und nach dem Konzert: Nicht dass gleich wieder eine Anspannung da war, aber man merkt doch den Menschen eine Traurigkeit, eine große Traurigkeit an und eine Hilflosigkeit – die ist zu spüren.

Welche Rolle können die Christen für den Frieden im Heiligen Land spielen? Können sie möglicherweise eine Mittlerrolle ausüben?

Ich denke schon, dass es Aufgabe der Christen im Heiligen Land ist, gerade der ausländischen Christen, sich weiterhin für den Friedensprozess einzusetzen. Und ich glaube auch, dass das caritativ-soziale Engagement der Kirchen von großer Bedeutung ist. Es ist sinnvoll, wenn über kirchliche Kanäle Hilfen von außen ins Heiligen Land gelangen. Aber natürlich sind die Möglichkeiten der Kirchen in dieser Region auch beschränkt: Es kann zwar Aufrufe der Bischöfe zum Frieden geben. Aber eine wesentliche Vermittlerrolle zu spielen, dazu sind die Christen nicht in der Lage – dazu sind wir zu sehr Minderheit. Da müssen wir einfach realistisch sein.

Aber als Begegnungsstätte und Dialogforum wird die Abtei weiterhin Bedeutung haben?

Unsere Aufgabe als Abtei ist das, was ich gerade beschrieben habe: zu beten und den Menschen, so gut es geht, Orte anzubieten, wo sie auftanken und Frieden finden können. Als Benediktiner werden wir also unsere Friedensarbeit in dem uns möglichen bescheidenen Rahmen fortführen. Und da bitte ich auch die Menschen in Deutschland, für den Frieden im Heiligen Land zu beten. Ich persönlich halte viel von der Macht des Gebetes.