Generation Greta

Greta Thunberg spricht am Brandenburger Tor und Tausende kommen – Ein Ortsbesuch. Von Sebastian Sasse

Klima-Demonstration "Fridays for Future" Berlin
Ihr Auftritt dauerte nicht lange: Etwa fünf Minuten sprach Greta Thunberg zu den Demo-Teilnehmern am Brandenburger Tor. Foto: dpa
Klima-Demonstration "Fridays for Future" Berlin
Ihr Auftritt dauerte nicht lange: Etwa fünf Minuten sprach Greta Thunberg zu den Demo-Teilnehmern am Brandenburger Tor. Foto: dpa

Ein Sommermärchen im April, Kennedy-Revival oder Ostermarsch 4.0? Ein bisschen von allem ist mit drin in diesem Großevent am Freitag-Mittag vor dem Brandenburger Tor. Um die 10 000 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, sind zu der bisher größten „Friday for Future“-Demo in Deutschland gekommen. Der Höhepunkt für die Teilnehmer: Eine Ansprache von Greta Thunberg, der 16-jährigen Schwedin, die die Bewegung initiiert hat und mittlerweile zu ihrer Ikone geworden ist. Das Tor ist der deutsche Erinnerungsort schlechthin, jedem Deutschen fällt zu ihm etwas ein, es sind positive Assoziationen: Freiheit und Demokratie dank Kennedy-Rede und „Friedlicher Revolution“ von 1989 oder auch ein fröhlicher Patriotismus dank schwarz-rot-goldener Fan-Meile zur deutschen Fußball-WM. Dass Thunberg vor dieser Kulisse auftritt, sagt etwas über die Strategie ihrer Bewegung aus. Wer diesen Ort besetzt, der will die Herzen der Deutschen gewinnen.

Nimmt man die Organisatoren aber ernst, dann ist das Ganze eigentlich nichts Anderes als eine große Politik-Stunde. Nur die Lehrer sind die Schüler selbst. Und die Pennäler, die gefälligst ihre Hausaufgaben machen sollen, die sitzen wenige Meter entfernt vom Spektakel in Bundestag und Kanzleramt. „Sie sollen uns hören“, ruft der junge Mann mit strubbeligem Lockenkopf, der von der Bühne ab halb zwei – für zwei Uhr ist Thunberg angekündigt – das Vorprogramm moderiert. Die Demonstranten sind ungeduldige Pädagogen und setzen auf Frontalunterricht. Denn Argumente müssten doch eigentlich gar nicht mehr ausgetauscht werden, so ist als Tenor aus den Stellungnahmen der einzelnen Jugendlichen herauszuhören, die nun nacheinander auf die Bühne treten. Jetzt werden Ergebnisse abgefragt. Ob Timo aus Essen, Leo aus Paris oder zwei Jugendliche aus Belgien – in ihren Grußbotschaften geht es immer um die eine These: Es ist doch alles klar. Die Welt geht unter, wenn nicht sofort gehandelt wird. Freilich wird diese Schlüsselbotschaft kaum noch ausgesprochen. Es bricht sich vielmehr Wut Bahn, dass auch nach 15 Wochen, so viele „Future-Fridays“ gab es schon in Deutschland, „die Politiker“ immer noch nichts gelernt haben. Und dann wird immer wieder chorisch angestimmt: „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft raubt.“ Oder in der Sprache der Schule: Der blaue Brief ist längst raus, die Versetzung können die Kanzlerin und ihre Kollegen vergessen.

Laut ist auch die Musik. Extra für die Demos hat sich eine siebenköpfige Combo gebildet, sie spielte auch schon an den vergangenen Freitagen bei den Berliner Kundgebungen. Die selbstgetexteten Rap-Texte zur fröhlichen Ska-Musik lassen keinen Zweifel an der Botschaft aufkommen. Die sieben Jungs mit bunten Mützen und in zerrissenen Jeans sehen mit Tuba, Trompeten, Posaunen und Schlagzeug zwar nicht so aus, aber sie treten als Oberlehrer auf und wollen dem politischen Berlin eine lautstarke Nachhilfestunde geben. „Profit ist eure Religion“, heißt es da. „Schluss mit den Sprüchen, wir wollen Taten.“ Und immer wieder der Appell an die Schüler, sich ja nicht einschüchtern zu lassen. „Auf die Dauer hilft nur Power.“ Die Refrains der Lieder sind eingängig. „Es reicht“, ruft der Sänger – und die Demo stimmt mit ein.

Dann setzt der Frontmann der Combo zur Philippika gegen die Medien an, nicht nur „die Politiker“ auch „die Journalisten“ bekommen ihre Schelte. Sie würden nur nach Schwachstellen in der Argumentation der Bewegung suchen. „Das ist total billig.“ Das andere Feindbild: „die Wirtschaft“. Er ruft dazu auf, „Konzerne zu boykottieren und deren Scheiß nicht mehr zu kaufen“. „We want change now“, singt die Menge zu den Rhythmen von „We will rock you“ von „Queen“.

Experten für das gesellschaftliche Klima

Und dann kommt die wissenschaftliche Expertise: Maja Göpel betritt die Bühne. Sie gehört zu den mittlerweile 12 000 Wissenschaftlern weltweit, die „Friday for Future“ unterstützen. Anfang März hatte sie neben TV-Mediziner Eckart von Hirschhausen diese Initiative vor der Bundespressekonferenz vorgestellt. Sie deutet die Demos als einen großen Befreiungsschlag. Endlich sei der Moment da gewesen, wo die Wissenschaftler sich hätten solidarisch zeigen können. Während „die Politik“, „die Wirtschaft“ oder eben „die Journalisten“ bisher ausnahmslos als negative Schlagworte auftauchten, wird die Glaubwürdigkeit „der Wissenschaft“ keine Sekunde in Zweifel gezogen. Es entsteht auch der Eindruck eines großen einheitlichen Blocks. So wie aber von Hirschhausen, so etwas wie der Erklär-Bär für wissenschaftliche Probleme in deutschen Unterhaltungsshows, kein Klima-Experte ist, hat auch Göpel ihre Meriten in einer anderen Disziplin erworben. Die Ökonomin ist Expertin für Klima-Politik. Und als solche weiß sie vor allem, wie man das gesellschaftliche Klima im Sinne politischer Ziele beeinflusst, in diesem Fall eben im Sinne der Agenda von „Friday for Future“. Das ist auch legitim. Aber ist es dann redlich, wenn hier pauschal „die Politik“ kritisiert, aber verschwiegen wird, dass die Protagonisten der Bewegung nichts anderes tun, als eben Politik zu machen, also auch Politiker sind? Nur eben nicht im Parlament, sondern auf der Straße. Das heißt: Legitimiert durch Klatschgesänge und Teilnehmerzahlen an Demos, nicht durch Wahlen.

Greta ist für sie eine Lotsin durch die Fake News-Ära

Doch für solche demokratietheoretischen Erwägungen ist keine Zeit, es geht weiter im Programm. Mittlerweile hat Luisa Neubauer die Moderation auf der Bühne übernommen. Die 22-Jährige, die in Göttingen Geografie studiert, ist vom Habitus her eine Art Anti-Greta. Sie könnte auch als Youtuberin durchgehen, die ihrem Publikum statt Schmink-Tipps eben etwas über Klimaschutz erzählt. Zwischendurch ruft sie mal „Hu-hu“ in die Menge. Zwischendurch ein bisschen Rockkonzert-Atmosphäre. Und dann kommt endlich der Star: Greta Thunberg. Sie hat schon einen vierstündigen Marsch hinter sich. Denn schon um zehn Uhr war die Demo in Berlin-Mitte gestartet, bevor sie hier am Brandenburger Tor endet. „Greta, Greta“-Rufe schallen ein paar Minuten auf, starker Applaus. Aber die 16-Jährige wirkt nahezu unbeeindruckt. Stoisch verliest sie ihre Botschaft auf Englisch: Dank an die Teilnehmer, ein Appell, im Engagement nicht nachzulassen. Der wichtigste Satz: „This is the beginning of the beginning.“ Kurz: Das war nur der Anfang, es geht weiter. Der ganze Auftritt dauert vielleicht fünf Minuten. Dann wird schnell noch ein Gruppenfoto zusammen mit den anderen Jugendlichen auf der Bühne gemacht, gemeinsam halten sie eine Europa-Fahne. Die Demo ist zu Ende.

Der Stoizismus Greta Thunbergs steht quer zu dem inszenatorischen Aufwand, der die restliche Veranstaltung prägt. Diese Fähigkeit, sich auf ein Thema voll zu fokussieren, hängt mit ihrer Asperger-Erkrankung zusammen. Am nächsten Tag sagt sie in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe, dass sie ihre Krankheit als eine Stärke empfinde. Für sie gebe es nur Schwarz oder Weiß. Die 16-Jährige strahlt in der Tat Glaubwürdigkeit aus. Und genau diese Ausstrahlung scheint auf die Jugendlichen zu wirken. Sie gilt ihnen als integre Lotsin in der Fake News-Ära. Die Organisatoren der Bewegung scheinen dies erkannt zu haben. Deswegen wird offenbar auch der Schulterschluss mit Wissenschaftlern so stark hervorgehoben. „Die Wissenschaft“ ist weiß, „die Politik“, „die Wirtschaft“, „die Medien“ sind schwarz.

Ist die „Generation Greta“ aber wirklich so ernsthaft, ja letztlich spießig? Eine Generation von Musterschülern, die sich vor allem deswegen am politischen Betrieb stört, weil es dort eben auch unvernünftig zugeht? Gehört zu einer Demo aber auch nicht etwas anderes? Bei aller Treue zum Thema, ein bisschen Lifestyle. Zwei Szenen: Eine Kamerafrau vom Fernsehen hat Kinder um sich geschart. Sie sind vielleicht zehn Jahre alt. Nun geht es darum, wer jetzt vor der Kamera sprechen soll. Sofort gehen die Hände hoch. Wie in der Schule. Schön ordentlich melden. Eine zweite Situation: „Wo sind die Jungs hin“, zwei Mädchen, etwa 14, bahnen sich den Weg durch die Menge hin zur Bühne. „Hast du gesehen, da ist wieder der Hübsche dabei von letzter Woche“, sagt die Eine zu ihrer Freundin. Offenbar gibt es für einige Teenies doch auch noch etwas Anderes als Klimaschutz.

Trotzdem, im Vergleich zu anderen Demos geht es hier sehr gesittet zu. Das mag auch daran liegen, das wirklich viele Kinder und junge Jugendliche vor Ort sind, oft von ihren Eltern begleitet. Zwischendurch klettern ein paar die Laternen hoch, um einen besseren Blick auf die Bühne am Brandenburger Tor zu haben. Das sind aber auch schon die stärksten Ausbrüche. Und als von der Bühne aus gebeten wird, dies einzustellen, werde die Laternen auch sofort wieder freigegeben.

Zum Schluss noch ein Schwenk ins Kanzleramt: Angela Merkel, als das Gesicht der deutschen Politik eigentlich im Fokus der Kritik, hat dies alles an sich abprallen lassen. Stattdessen erklärte sie im fast schon verschwörerischen Ton, es sei schon ganz richtig so, wenn die Jugendlichen ihnen, den Politikern, etwas Dampf machen würden. Man kann manches an der Generation Greta kritisieren, ihre letztlich unpolitische Haltung, ihren Romantizismus, ihre Streber-Attitüde – aber sie hat verdient, dass man sie ernst nimmt. Eine solche kumpelhafte Anbiederei wie durch die Kanzlerin ist eher das Gegenteil davon. Auch verfängt diese Taktik nicht. Denn die „Friday for Future“-Schüler sind ja gute Pädagogen und insofern kennen sie die Tricks ihrer Problem-Pennäler aus der Politik.

Kurz: Die Versetzung der Kanzlerin bleibt weiterhin stark gefährdet.