Geht an die Nieren

Europarat stellt Konvention gegen illegalen Organhandel vor. Von Reinhard Nixdorf

Für dumm verkauft: Nierenspender. Foto: dpa
Für dumm verkauft: Nierenspender. Foto: dpa

Vierzehn Länder haben sich Mitte dieser Woche in Spanien der Konvention des Europarats gegen den illegalen Handel mit menschlichen Organen angeschlossen. Das auf einer Konferenz in Santiago de Compostela unterzeichnete Abkommen ist der erste internationale Vertrag gegen Handel mit Organen. Die unterzeichnenden Staaten verpflichten sich darin, in ihrer Gesetzgebung die illegale Entnahme von Organen als kriminellen Akt zu bezeichnen. Ist der Spender tot, sollen Organentnahmen strafbar sein, wenn er nicht zu Lebzeiten informiert oder die Zustimmung seiner nächsten Angehörigen eingeholt wurde. Lebt der Spender, sind Organentnahmen strafbar, wenn er vorher nicht informiert wurde oder keine Zustimmung gegeben hat, die nur dann als frei und informiert gilt, wenn sie jederzeit frei widerrufen werden kann, so die Sprecherin des Europarats Estelle Steiner. Strafbar macht sich eine Drittpartei, die sich an der Entnahme oder dem Handel mit dem Organ eines verstorbenen oder lebenden Spenders bereichert. Auch illegale Implantationen sollen bestraft, Organhändler und Chirurgen, die sich daran beteiligen, belangt werden. Außerdem sieht die Konvention ein Entschädigungsrecht für Opfer vor.

Erstunterzeichner des Abkommens sind die Europaratsmitglieder Albanien, Belgien, Griechenland, Großbritannien, Italien, Luxemburg, Moldawien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, Tschechische Republik und Türkei. Da das Problem des Organhandels nicht an Europas Grenzen aufhört, sollen sich auch Länder, die nicht dem Europarat angehören, der Konvention des Europarats anschließen können.

Dass sich der Handel mit Organen in armen Ländern zu einem regelrechten Wirtschaftsfaktor entwickle, schrieb die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes schon 2003 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“. Stets gehe dieser Handel in die gleiche Richtung: Von Süd nach Nord, von Ost nach West, von arm nach reich, von dunkler zu heller Hautfarbe. Heute öffnet sich eine wahre Liste des Grauens: In Bangladesch verkauften arme Dorfbewohner ihre Nieren für 1 400 bis 1 900 Euro. In der Wüste Sinai sollen Flüchtlingen aus Afrika Organe bei lebendigem Leib herausgeschnitten worden sein. In China landen Nieren, Lungen und Herzen von Hingerichteten im Operationssaal. Jährlich werden dort zehntausend Organtransplantationen vorgenommen, betonte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte gegenüber der „Tagespost“. 165 Organtransplantationszentren werben dafür, dass innerhalb von zwei bis vier Wochen passende Organe gefunden werden können. Auch auf dem Balkan soll Handel mit menschlichen Körperteilen vorgekommen sein. Wie viele Organe Menschen gegen ihren Willen entnommen werden, darüber gibt es nur Mutmaßungen.

Rund um den Globus gibt es heute internationale Netzwerke des Organhandels. Das Geschäft stützt sich im Wesentlichen auf vier Gruppen: Patienten, die bereit sind, weite Reisen zu unternehmen und sich hohen Risiken auszusetzen; mobile Anbieter von Organen; skrupellose Chirurgen, die bereit sind, gegen Gesetz und Berufsethik zu verstoßen; und Organhändler mit Kontakten zum organisierten Verbrechen, zur Polizei und zu korrupten Ärzten.

Besonders der Handel mit Nieren blüht, da die Niere das einzige Organ ist, das entnommen werden kann, ohne dass der Patient stirbt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass pro Jahr etwa siebzigtausend Nieren verpflanzt werden. Mindestens zwanzigtausend davon stammen von Lebendspendern, die ihre Organe teils aus altruistischen und teils aus finanziellen Motiven zur Verfügung stellen. Nach einer Schätzung von „Organs Watch“ werden jedes Jahr zwischen sieben- und zehntausend Nieren über kommerzielle Vermittler verkauft. Für die Spender aber ist die Freude am Geld oft nur von kurzer Dauer. Eine Studie mit dem Titel „Quality of life in Iranian kidney donors“ der persischen Kermanshah Universität aus dem Jahr 2001 ergab, dass 58 Prozent der insgesamt dreihundert befragten Organverkäufer ihren allgemeinen Gesundheitszustand ein halbes bis ein Jahr nach der Nierenentnahme mit „sehr negativ“ angaben, 76 Prozent würden potenziellen Nierenverkäufern dringend davon abraten „ihren Fehler zu wiederholen“, 85 Prozent der Verkäufer würden ihre Niere mit Sicherheit nicht noch einmal verkaufen, heißt es darin. Da fragt es sich schon, ob Spendewillige genug über Risiken und Langzeitfolgen aufgeklärt werden und ob ihnen nicht eher suggeriert wird, der Eingriff sei völlig gefahrlos, da bei zwei Nieren schließlich eine „Reserve-Niere“ bereitstehe.

Als Medien über den Handel mit Organen serbischer Gefangener nach dem Kosovokrieg Ende der 1990er Jahre berichteten, begann der Europarat mit der Arbeit an einer Konvention gegen den Handel mit Organen. Im Juli 2014 nahm das Ministerkomitee des Europarats die Konvention an. Ob die Konvention dem Handel mit Organen einen Riegel vorschieben kann, ist ungewiss – nicht nur, weil von freiwilligen Organspenden solange keine Rede sein kann, wie Menschen in den armen Ländern aus purer Not ihre Organe verkaufen, sondern auch, weil die Konvention sich nicht um einen Ausweg aus der weltweiten Knappheit an Spenderorganen bemüht.