Würzburg

Gegen Kulturrelativismus

Necla Kelek kritisiert die Islam-verbände: Sie wollen Anerkennung, ohne sich zu den Werten des Grundgesetzes zu bekennen.

Diskussion über den Islam
Wenden sich einige Muslime bewusst von der deutschen Gesellschaft ab? Distanz kann man auch durch Kleidung ausdrücken. Foto: dpa

Frau Kelek, die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hat in einem Vortrag in Wittenberg die Rolle des Staates bei der Integration und der Reformierung des Islam betont. Sie meint, der Islam in Deutschland benötige eine Art Kurfürst Friedrich den Weisen als staatlichen Schutzherr für diese Entwicklung. Sie haben sich selbst intensiv mit Fragen der Integration, ihren Chancen, Herausforderungen und Problemen befasst. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Ich unterstütze diese Forderung, aber es ist keine neue Idee, keine neue Initiative. Der Staat engagiert sich bereits durch die vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble initiierte Islamkonferenz. Das war ein im europäischen Rahmen einmaliges Angebot, basierend auf der Idee, das Leben der Muslime in Deutschland transparenter zu machen und damit die Integration voranzutreiben. Der Staat hat also schon damals die Initiative ergriffen, beziehungsweise es versucht. Das wichtigste Ziel bestand darin, einen Wertekonsens zu finden, der von säkularen, konservativen und orthodoxen Muslimen gleichermaßen als Basis des Zusammenlebens akzeptiert wird.

Das ist offensichtlich ein hoher Anspruch, der schwer zu verwirklichen sein wird.

Es ist schwierig, und die Islamkonferenz ist zunächst gescheitert, weil die Verbände nicht bereit waren, das Grundgesetz als oberste Instanz anzuerkennen und der Regierung aus Säkularen eine Legitimität zuzugestehen. Die Verbände sagen auf der einen Seite, an erster Stelle stehen Allah und seine Gebote, danach kommt das Grundgesetz. Auf der anderen Seite berufen sie sich mit dieser Argumentation aber auf das Grundgesetz und die dort verankerte Religionsfreiheit, die es ihnen erlaubt, Allah über alles zu stellen. Das ist eine paradoxe Situation, die dazu geführt hat, dass kein Wertekonsens gefunden wurde.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Welche Perspektiven sehen Sie denn, dass sich noch etwas in Richtung Integration und Reformierung des Islam bewegt?

Wir alle müssen dranbleiben an der Idee, die durch die Islamkonferenz in die Welt gesetzt wurde. Wir müssen uns entschieden gegen die Wertebeliebigkeit und den Kulturrelativismus zur Wehr setzen. Wenn es zum Beispiel um die Frage des Kinderkopftuchs geht, wird immer das Elternrecht betont.

"Wir müssen uns entschieden gegen
die Wertebeliebigkeit und den
Kulturrelativismus zur Wehr setzen"

Wir Säkulare halten dagegen, dass die Eltern verantwortlich dafür sind, ihre Kinder zu Offenheit und Kritikfähigkeit zu erziehen. Das heißt zum selbstständigen Menschen als Individuum. Ich wünsche mir, dass der Staat eine Plattform bietet, auf der sich alle muslimischen Strömungen begegnen und austauschen können, säkulare, liberale, gemäßigte, konservative, orthodoxe.

Aber sind die konservativen und orthodoxen Muslime überhaupt bereit zu einem solchen Austausch, einer Suche nach einem Konsens?

Das ist natürlich ein Problem. Die Islamverbände wollen Anerkennung, ohne sich loyal zu unserem Wertesystem zu bekennen. Dies einzufordern, ist der Staat gefordert. Es gibt positive Ansätze, doch sie werden nicht zu Ende geführt. Die Initiative von Innenminister Horst Seehofer im November 2018, die Islamkonferenz neu zu beleben, habe ich sehr begrüßt. Der Anspruch bleibt bestehen, dass ein Konsens über den Wertekanon der Muslime in Deutschland gefunden werden muss, und der Staat sollte nicht nur moderieren, sondern diese Loyalität einfordern.

Auch diese Initiative war nicht von Erfolg gekrönt...

Nein, leider nicht. Zum einen waren die Vorstellungen des Innenministers unrealistisch, zum Beispiel innerhalb eines Jahres in Deutschland Imame auszubilden. Zum anderen ist der Staat einmal mehr vor den Verbänden eingeknickt.

Was heißt das konkret? Worauf bezieht sich der von Ihnen geforderte Wertekonsens?

Ganz konkret, alles was mit dem Thema Ehe und Familie zusammenhängt. Der Koran erlaubt die Polygamie, aber das widerspricht dem Grundgesetz. Hier darf es nur ein klares Verbot geben, das von allen Muslimen, den Imamen und Verbänden akzeptiert werden muss, mit der Konsequenz, dass kein Imam Mehrehen nach islamischem Recht schließen darf.

"Der Koran erlaubt die Polygamie,
aber das widerspricht dem Grundgesetz"

Ähnliche Themen sind die Zwangs-, Kinder- und die Verwandtenehe. Dreiviertel der arrangierten Ehen werden innerhalb der Verwandtschaft vollzogen. Darüber muss öffentlich diskutiert werden und alle islamischen Vertreter – egal ob liberal, gemäßigt oder konservativ – müssen in Bezug auf die Familie die Werte des Grundgesetzes akzeptieren. Das ist ein sehr konkreter Punkt in der Wertedebatte.

Offensichtlich auch ein sehr prekärer und kontroverser Punkt, denn Ihr neues Buch „Die unheilige Familie“ kann wie eine Anklage gegen die traditionelle muslimische Familienstruktur gelesen werden.

In der Tat sind wir selbst an einem so entscheidenden Punkt wie dem Thema Familie von einem Wertekonsens noch weit entfernt. Hier weiterzukommen, ist mein besonderes Anliegen. Nach traditioneller islamischer Vorstellung soll ein Kind angepasst und gehorsam sein, das heißt keine Eigenständigkeit entwickeln.

"Der Mensch wird in der konservativen
islamischen Tradition von Geburt bis
zum Tod kontrolliert, Frauen
und Mädchen natürlich ganz besonders"

Der Mensch wird in der konservativen islamischen Tradition von Geburt bis zum Tod kontrolliert, Frauen und Mädchen natürlich ganz besonders, zur Not mit Gewalt, wenn sie dagegen aufbegehren. Die Unterwerfung, die Unfreiheit des Einzelnen ist die Basis des Islam. Das ist dysfunktional, das ist unheilig, und das zeige ich am Thema der Familie auf. Und ich fordere, dass der Staat hier seiner Verantwortung gerecht wird und gegen all die Praktiken, die dem Grundgesetz widersprechen, vorgeht.

Wenn man akzeptiert, dass der Koran Gottes Wort sei, das über den Erzengel Gabriel als letzte Wahrheit an den Propheten Mohammed übermittelt worden sei, ist die Argumentation der Orthodoxen durchaus nachvollziehbar, dass sie sagen, wie kann der Mensch hingehen und Gottes Wort interpretieren? Wie sehen Sie als säkulare Muslimin die Rolle des Koran?

Wir können den Koran nicht wörtlich nehmen, sondern er beinhaltet die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit den Inhalten. Der Koran muss als Kind seiner Zeit gelesen und unserer Zeit angepasst werden. Das ist die Basis der Säkularisierung, die wiederum zu Pluralismus und Selbstbestimmung führt.

Dazu könnte man sagen, das ist eine Diskussion, die innerhalb des Islam geführt werden muss, ohne dass sich der Staat darin einmischt.

Klar, die Muslime müssen über den Islam und die Moderne diskutieren. Und als Säkulare dürfen wir ihre Weigerung nicht hinnehmen und akzeptieren. Wie ich zuvor ausgeführt habe, ist die Bereitschaft konservativer und orthodoxer Verbände, eine solche Diskussion und darüber hinaus eine Wertediskussion zu führen, nicht sehr groß. Das hat zur Konsequenz, dass in großen Teilen der islamischen Community Praktiken herrschen, die dem Grundgesetz diametral widersprechen.

"Die Muslime müssen über
den Islam und die Moderne diskutieren"

Deshalb ist der Staat gefordert; zum einen, diese Praktiken zu unterbinden und zum anderen ein Forum zu schaffen, in dem grundlegend über einen Wertekonsens diskutiert wird. Dabei muss der Staat die Verbände viel mehr in die Pflicht nehmen, statt vor ihnen einzuknicken, wie es bisher der Fall war.

Zur Person:
Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, setzt sich seit vielen Jahren mit der Frage auseinander, wie im Islam Frauenrechte eingeschränkt werden. Die Soziologin, die als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland gezogen ist und seit 1994 auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat sich publizistisch etwa mit den Fragen der Zwangsheirat oder dem Ehrenmord auseinandergesetzt. Kelek vertritt eine betont säkulare Position. Sie gehört auch dem Vorstand von Terre des Femmes an. Diese Organisation, die sich für Frauenrechte einsetzen will, hat in der letzten Woche ein Gutachten veröffentlicht, nach dem ein Verbot von Kinderkopftüchern juristisch möglich sei.