„Gefahr im Verzug“

Stabilität in Nah-Ost ist im Interesse Europas – Colloquium der Hanns-Seidel-Stiftung zur aktuellen Situation der Christen in Ägypten. Von Marie-Thérese Knöbl

V.l.n.r.: Philipp Hildmann, Alexander Radwan, Bischof Kyrillos William und Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Foto: Christoph Mukherjee
V.l.n.r.: Philipp Hildmann, Alexander Radwan, Bischof Kyrillos William und Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Foto: Christoph Mukherjee

Wenn ein Glied leidet, so leidet die ganze Kirche.“ Mit diesem Zitat aus dem 1. Korintherbrief führte Philipp Hildmann, Beauftragter für Interkulturellen Dialog und Leiter des Büros der Stiftungsvorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, in das Gespräch zwischen dem koptisch-katholischen Bischof von Assiut in Oberägypten, Kyrillos William, und dem CSU-Bundestagsabgeordneten und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses Alexander Radwan zur Lage der Christen in Ägypten ein, das am vergangenen Samstag in München stattfand. Ende Februar diesen Jahres hatte die Terrormiliz IS den koptischen Christen auf der Sinai-Halbinsel den Krieg erklärt. Bereits im Dezember war auf die Markus-Kathedrale in Kairo ein blutiges Attentat verübt worden.

Hat sich die Situation der Christen also unter der Präsidentschaft von Abdel Fattah al-Sisi tatsächlich verbessert? Ja, waren sich der Ägypten-Experte Radwan und Bischof William einig, und sie wird sich weiter verbessern, auch wenn Manches schwierig bleibt. Denn: Es gibt Schutzzusagen, es gibt eine offizielle Anerkennung der Christen, es gibt wieder Kirchenbauprojekte und vor allem sei aktuell die gemeinsame, über alle Religions- und Konfessionsgrenzen hinweg empfundene Freude auf den Besuch von Papst Franziskus im Land zu spüren.

Dieses Miteinander der Ägypter sei auch lange eigentlich der Normalfall gewesen: Vierzehn Jahrhunderte hindurch, so Bischof William, habe es so gut wie keine religiös motivierten Streitigkeiten oder Konflikte zwischen den unterschiedlichen religiösen Gruppen in Ägypten gegeben. Erst mit der Regierung Nasser setzte zu Beginn der 1950er Jahre eine Diskriminierung von Christen als Bürgern zweiter Klasse ein, gab es erste Probleme mit Baugenehmigungen für Kirchen und Schikanen gegenüber christlichen Einrichtungen sowie Familien. Ein Unfrieden, der sich mit dem Erstarken der Islamisten unter Sadat bis hin zur Exilierung des koptischen Patriarchen verschlechtert und sich auch unter Mubarak nicht gelegt habe. Nach der Revolution auf dem Tahir-Platz 2011 und den nachfolgenden Demonstrationen gegen Präsident Mursi habe Sisi einen in vielerlei Hinsicht dysfunktionalen Staat geerbt. Auch die wirtschaftliche Lage sei in Ägypten lange nicht so schlecht gewesen wie heute, bedingt vor allem durch den Niedergang des Tourismus, der Haupteinkommensquelle des Landes, als Folge der Attentate.

Hinzu kommt eine gewaltige demographische Herausforderung: Aktuell leben in Ägypten 92 Millionen Menschen, im Jahr 2040 werden es internationalen Schätzungen zufolge 140 Millionen sein. Die Christen und überhaupt die Vertreter der unterschiedlichen Religionen im Land hätten jedoch Grund zu Optimismus, da Sisi wichtige Zeichen des Friedens und der Versöhnung setze, die Brandstiftung bei Kirchen verurteile und immer wieder daran erinnere, dass die Ägypter ein Volk seien. Was den interreligiösen Dialog angehe, so Bischof William, sei dieser offiziell wegen der zunehmenden Radikalisierung des Islams momentan nicht möglich. Im Kleinen finde jedoch ein „Dialog des Lebens“ statt, etwa an christlichen Schulen, die sich auch bei Muslimen großer Beliebtheit erfreuten und sogar zu 90 Prozent von muslimischen Kindern besucht würden; dieser sei mit das wichtigste Instrument des Friedens. Einig waren sich die Gesprächspartner auch darüber, dass die größte Sorge Ägyptens derzeit seine wirtschaftliche Lage sei, der man in erster Linie durch eine nachhaltige Bildungsförderung, insbesondere im Primar- und Berufsschulbereich begegnen müsse. Bildung und Gesundheit seien wichtige Voraussetzungen für Stabilität und Sicherheit – und damit für Frieden und wirtschaftlichen Erfolg. Es sei jedoch, so Radwan, in gewisser Weise „Gefahr im Verzug“, da es nun – auch im Interesse der Stabilität des Nahen Ostens und Europas – dringend darum gehe, so bald wie möglich vor Ort aktiv zu werden und gezielt Bildungsprogramme und den Dialog des Friedens zwischen den Religionen voranzutreiben. Auch die internationale Anerkennung des mutigen Vorgehens Sisis sei notwendig.

Gesondert anzugehen sei die Problematik des mangelnden Schutzes von Konvertiten zum Christentum, in Europa wie in ihren Herkunftsländern, meinte Radwan. So, wie das geeinte und friedliche Europa zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren eine Frage von Krieg und Frieden gewesen sei, so sei nun die Frage des friedlichen Miteinanders der Religionen über die Grenzen Europas hinaus die entscheidende Frage für die Zukunft Europas und des Nahen Ostens.