Gebet für Opfer ist Pflicht

Österreich stößt das Gedenken an die Opfer der Tito-Partisanen in Bleiburg auf Widerstand. Der Vorsitzende der Kroatischen Bischofskonferenz, Erzbischof Želimir Puljić, übt im Interview daran Kritik. Von Stephan Baier

70 years memory of the victims of the Liescha massacre
Jahr um Jahr kommen hunderte Kroaten zu der Feier, um an ihre verstorbenen Landsleute zu erinnern. Foto: dpa
70 years memory of the victims of the Liescha massacre
Jahr um Jahr kommen hunderte Kroaten zu der Feier, um an ihre verstorbenen Landsleute zu erinnern. Foto: dpa

Exzellenz, worum geht es der katholischen Kirche Kroatiens beim Gedenken an die Toten der Bleiburger Tragödie?

Im Mai 1945 begaben sich die kroatische Armee und eine große Zahl Zivilisten auf den Weg von Zagreb Richtung österreichischer Grenze. Die britischen Kräfte, die bei Bleiburg stationiert waren, lehnten es ab, die Soldaten und Zivilisten anzunehmen. Stattdessen wurde ihnen befohlen, die Waffen abzulegen und sich der jugoslawischen Armee zu ergeben. Nach manchen Berichten haben sich in Südkärnten, meist in der Umgebung von Bleiburg, am 15. Mai 1945 über 100 000 Soldaten und Zivilisten ergeben. Die Partisanen führten die Gefangenen auf das Gebiet des heutigen Slowenien und ermordeten einen Großteil von ihnen. Bleiburg wurde zum Symbol und zur Metapher für die Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg, die ohne gerichtliche Sanktionierung und Verurteilung geblieben sind, ja zum klassischen Beispiel des Kriegsverbrechens gegen die Menschlichkeit. Während der kommunistischen Zeit war es verboten, darüber zu sprechen, geschweige denn für die Opfer öffentlich zu beten! Auch ließen die kommunistischen Machthaber die Gräber umpflügen. Als die Berliner Mauer niedergerissen wurde, und mit ihr die Diktatur des Kommunismus, begann die Untersuchung und Entdeckung der Hinrichtungsstätten. Bis jetzt wurden 1 700 Massengräber entdeckt.

In früheren Jahren haben kroatische Kardinäle und Bischöfe beim Gedenken in Bleiburg die Messe zelebriert. Gab es im Rahmen der Messe je Vorkommnisse, mit denen Sie nicht einverstanden waren?

Im Rahmen der Liturgie, einschließlich des Gebets am Friedhof und der Prozession zum Feld, ist mir im letzten Jahr nichts in die Augen gekommen, was inakzeptabel wäre. Später habe ich vernommen, dass einige Zwischenfälle passierten. Nach Informationen der Organisatoren nahmen mehr als 10 000 Menschen teil, und die Polizei nahm sieben Personen fest. Ich bedauere und verurteile alle Zwischenfälle. Es tut mir auch leid, dass manche Leute solche Erscheinungen am Rande des Gedenkens missbraucht haben, um das ganze Gedenken ins falsche Licht zu rücken.

Teilen Sie den Eindruck des Kärntner Diözesanadministrators Guggenberger, dass das Totengedenken von Bleiburg im Vorjahr instrumentalisiert wurde für eine einseitige politisch-nationale Geschichtsdeutung?

Ich teile diesen Eindruck nicht. Die einseitige politische Deutung der Geschichte erfuhren wir während des Kommunismus. Heute ist die Zeit gekommen, uns endlich mit der geschichtlichen Wahrheit und mit der Verantwortung aller Mittäter und Beobachter der großen Tragödie zu konfrontieren, die das kroatische Volk während und nach dem Zweiten Weltkrieg traf. Es versteht sich von selbst, dass auch andere Völker in dieser Tragödie der Kriegs- und Nachkriegszeit betroffen waren, und dass alle das Recht und die Pflicht haben, ihrer Opfer zu gedenken, aber auch der Opfer der anderen, sogar der Gegner. Wir kroatischen Bischöfe haben dies klar hervorgehoben in einem Brief vom 1. Mai 1995 anlässlich des 50. Jubiläums des Endes des Zweiten Weltkriegs: „Die Hauptschwierigkeit der Frage liegt nicht darin, wie die Opfer der eigenen Seite zu bedauern und wie die Schuld der anderen zu erkennen ist. Kroaten und Serben, Katholiken und Orthodoxe, Muslime und andere stehen vor einer schwierigeren moralischen Frage: wie die Opfer der anderen Seite zu bedauern und wie die Schuld der eigenen Seite anzuerkennen ist. Und danach: wie ein neues Zeitalter einzuleiten ist, das auf Gerechtigkeit und Frieden aufgebaut ist.“ Wir zögerten mit diesen Worten nicht im äußerst schwierigen geschichtlichen Moment des Heimatkriegs, als die jugoslawische Armee und die serbischen paramilitärischen Formationen ein Drittel Kroatiens besetzt, viele Wohnhäuser niedergebrannt und Kirchen niedergerissen hatten, und als viele unserer Landsleute und Gläubigen gefoltert, getötet oder vertrieben wurden. Sowohl mit diesem Brief als auch mit dem Gedenken in Bleiburg möchten wir „ein neues Zeitalter, das auf Gerechtigkeit und Frieden aufgebaut ist“ eröffnen, in dem die Opfer betrauert werden können, nicht nur jene unserer Seite, sondern auch die der anderen Seite.

Haben Sie Verständnis für Einzelne, die am Rande der Bleiburg-Feiern Symbole des Ustaša-Regimes tragen?

Leiden und Vertreibungen erinnern die Kirche, dass sie Christus gehört und keine menschliche Anstalt ist. Die Kirche bezeugte unter verschiedenen Regimen das Gedächtnis an Leiden, Tod und Auferstehung Christi. Dies tat sie während des Zweiten Weltkriegs als auch danach. Auch heute müht sie sich, sich an das Evangelium zu halten. Heute nämlich herrscht ein System, das Benedikt XVI. „Diktatur des Relativismus“ nannte. Im Geist der Botschaft Christi als auch der Deklaration des Europäischen Parlaments, durch die der Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von allen totalitären und autoritären Systemen eingesetzt wurde, habe ich kein Verständnis für Individuen, die am Rande des Gedenkens in Bleiburg Merkmale des Ustaša-Regimes tragen.

In der Zeit Jugoslawiens waren die Massaker der Partisanen tabuisiert, darum musste das Gedenken in Kärnten stattfinden. Wäre es jetzt nicht möglich, es in Kroatien zu begehen?

Man könnte das Gedenken auch in Kroatien abhalten. Jedes Jahr werden mehrere Gedenken in der Nähe von Massengräbern in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina gehalten. Bleiburg ist jedoch das Symbol des Anfangs, die erste Station des Kreuzwegs und der Leiden nach der Übergabe der Soldaten und Zivilisten an die Partisanen Titos. Es versammeln sich die Leute dort schon seit 70 Jahren zum Gedenken an alle Opfer der zahlreichen Kreuzwege.

Wie werden Sie auf das Verbot, das Diözesanadministrator Guggenberger ausgesprochen hat, reagieren?

Wir respektieren das Amt des Administrators und seine Zuständigkeiten. Wir verstehen aber seine Erklärung nicht. Deshalb stimmen wir seiner Entscheidung nicht zu und können die angegebenen Gründe nicht akzeptieren. Unserer Meinung nach ist gerade eine solche Entscheidung politisch instrumentalisiert, weil sie etwas, was der Kirche eigentümlich ist, verbietet: nämlich das Gebet für die Verstorbenen. Zumal diese tragisch Gestorbenen zum Vergessen verurteilt wurden und ihr Gedenken Jahrzehnte hindurch unterdrückt wurde. In dieser Hinsicht hat die Entscheidung von Diözesanadministrator Guggenberger jenen Freude gemacht, die weder die Kirche lieben noch die kroatischen Leiden in jener schwierigen Zeit anerkennen. Das Gedenken in Bleiburg ist auf 18. Mai angesetzt und wird wie bisher unter der Schirmherrschaft des Kroatischen Parlaments stattfinden, mit den üblichen Gebeten für die Verstorbenen und einer heiligen Messe, die dieses Jahr kein kroatischer Bischof zelebrieren wird, sondern ein Priester. Falls die Entscheidung der Diözese Gurk-Klagenfurt nicht noch geändert wird.

Aus dem Kroatischen von Ljudevit Fran Ježic.