„Geben Sie Gott eine Chance“

Missionarische Appelle und gesellschaftspolitische Unauffälligkeiten prägen den Auftakt des 100. Katholikentags. Von Regina Einig

100. Deutscher Katholikentag in Leipzig - Eröffnung
In seiner auf Deutsch gehaltenen Videobotschaft forderte Franziskus die Teilnehmer des Katholikentages dazu auf, „der Stimme der Armen mehr Raum zu geben“. Foto: dpa
100. Deutscher Katholikentag in Leipzig - Eröffnung
In seiner auf Deutsch gehaltenen Videobotschaft forderte Franziskus die Teilnehmer des Katholikentages dazu auf, „der St... Foto: dpa

Leipzig (DT) Mit einer bunten Eröffnungsparty auf dem Leipziger Marktplatz und einem Festakt hat der hundertste Katholikentag am Mittwoch begonnen. Zur Feier des Jubiläums sahen die Teilnehmer eine auf Deutsch gehaltene Videobotschaft von Papst Franziskus, in der er die Teilnehmer dazu auffordert, „der Stimme der Armen mehr Raum zu geben“ (Seite 5). Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, unterstrich, die Würde aller Menschen sei für Christen nicht verhandelbar. Von Leipzig solle „ein Signal der Offenheit und der Toleranz gegen jeden dumpfen Nationalismus“ ausgehen.

Beim Festakt fielen neben vielen Lobeshymnen auch kritische Töne. Hubert Wolf, Münsteraner Kirchenhistoriker, bescheinigte dem Katholikentag zwar, dass die Kirche ohne ihn ganz anders aussähe, weil es keine selbstbewussten, eigenständig agierenden Laien im hierarchischen System gäbe. Katholikentage seien mehr als Treffen frommer Christen gewesen, sondern vielmehr die „öffentliche Inszenierung des sozialen und politischen Katholizismus, der die deutsche Gesellschaft nachdrücklich geprägt habe“. Wolf warnte aber vor allzu großer Programmvielfalt: Katholikentage liefen mitunter Gefahr, sich zu verzetteln. Die erfreuliche Buntheit und der offene Forumscharakter könnten den Keim der Beliebigkeit in sich tragen. Wörtlich sagte der Kirchenhistoriker: „Früher haben Katholikentage nicht selten klare Beschlüsse gefasst und erfolgreich versucht, diese umzusetzen.“ Auch heute wünsche man sich eindeutige Stellungnahmen zu den zentralen politischen oder innerkirchlichen Themen. „Dadurch könnte der deutsche Laienkatholizismus wieder mehr Durchschlagskraft und Sichtbarkeit in Kirche und Welt entwickeln“, erklärte Wolf. Ohne die Diskussionen um eine Einladung an AfD-Vertreter ausdrücklich zu nennen mahnte er: „Keine Angst vor Umbrüchen und revolutionären Umgestaltungen der Gesellschaft; keine Denkverbote und Tabus, sondern offen die Chancen und Gefahren selbst revolutionärer Prozesse abschätzen und sie kritisch-produktiv nutzen. Und vor allem ,einen Schuss Ungehorsam der Hierarchie gegenüber‘, wenn diese sich den Zeichen der Zeit gegenüber verschließen sollte.“ Inhaltlich mehr klare Kante entspräche zumindest der Tradition der Katholikentage, so Wolf.

Am Donnerstag zeigten die Podien allerdings, dass sich diese Hoffnung zumindest in Leipzig kaum erfüllen dürfte. Offenheit für Flüchtlinge und Ausgegrenzte herrscht bei den Katholikentagsteilnehmen allerorten. Auch die Temperatur der Kirchenkritik fällt im Vergleich zu früheren Katholikentagen insgesamt moderat aus. Wie ein roter Faden zieht sich die Botschaft durch die Veranstaltung, Papst Franziskus werde die Tür öffnen für einen wie auch immer gearteten Diakonat der Frau und das Lehramt an die Lebenspraxis der Katholiken angleichen, etwa in Bezug auf homosexuelle Partnerschaften. Das Interesse des Publikums an genuin katholischen Fragen hält sich in Grenzen: Beim Podium über das Petrusamt in der Innenstadt blieben zahlreiche Plätze leer. Martin Lohmann warnte vor überzogenen Erwartungen an den Geist der Synodalität in diesem Pontifikat. Viele Entscheidungen habe Papst Franziskus allein und ohne Rücksprache mit Bischöfen getroffen.

Ergiebiger fielen Gesprächsrunden aus, die sich mit der Offenheit für die Gottesfrage selbst befassten. Die Wunden der DDR-Zeit sind in der Stadt Leipzig allgegenwärtig. Etliche Programmpunkte greifen die prophetische Rolle der Christen für den Fall der Mauer auf. Kritik an der SED übte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) bei einem Podium über das Leben ohne Religion. „Es gab eine totalitäre Art, den Menschen den Glauben auszutreiben“, stellte der Politiker über die Vorgängerpartei der Linken fest.

Am Fronleichnamsfest stand das persönliche Glaubenszeugnis im Mittelpunkt: Tausende nahmen bei milden Temperaturen und unter starken Sicherheitsvorkehrungen an einer Festmesse unter freiem Himmel teil. Dass Religion im öffentlichen Raum Platz haben müsse, wurde auch auf den Podien mehrmals angesprochen. In Leipzig sind nur vier Prozent der Bevölkerung katholisch, während sich mehr als achtzig Prozent zu keiner Religion bekennen. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch unterstrich in seiner Predigt, die Botschaft des Fronleichnamstages sei: „Ohne diesen Gott, der uns leben lässt, würden wir keinen Moment leben“. Gott wolle nicht nur, dass die Menschen irgendwie überlebten, sondern dass sie erfüllt lebten. Für diese Wahrheit stehe Jesus Christus, erklärte der Berliner Erzbischof. Die Liebe Gottes lasse die Menschen mit ihrem Hunger nach mehr nie allein. Dazu sei er Mensch geworden. „Wagen Sie es doch einmal, mit diesem Gott zu leben! Lassen Sie sich auf ihn ein, versuchen Sie es doch einmal mit ihm!“, appellierte Koch und wandte sich dabei ausdrücklich auch an Religionslose. „Geben Sie Gott in ihrem Leben eine Chance“, ermutigte er sie. Gott sei jetzt schon da. Christen seien Zeugen und Kämpfer für das ewige Leben. „Deshalb kämpfen wir für das Leben eines jeden Menschen mit seinem Hunger nach mehr: für den ungeborenen und den sterbenden, den obdachlosen und den Flüchtling, den orientierungslosen und den suchenden, den schuldigen und den im Abseits.“

Die abendliche Fronleichnamsprozession unter dem Titel „Light of Christ“ in der Innenstadt zog auch Schaulustige an. Der Austausch zwischen Christen und Atheisten ist im Rahmen des Katholikentags vor allem durch die Vermittlung von Privatquartieren in Gang gekommen. Die Leipziger Volkszeitung widmete der Gastfreundschaft einer religionslosen Leipziger Familie für Katholikentagsbesucher in ihrer Freitagsausgabe eine eigene Geschichte. Die Bandbreite der geistlichen Angebote während des Katholikentags in Leipzig und Umgebung ist breit gefächert und auch als katechetische Initiative zu verstehen. Monika Rheinschmitt, Vorsitzende der Laienvereinigung Pro Missa Tridentina, nannte die Möglichkeit, heilige Messen in der außerordentlichen Form des römischen Ritus mitzufeiern – darunter ein Hochamt am Samstag in St. Peter und Paul in Markkleeberg – „eine Chance für alle Katholikentagsteilnehmer und für alle Einwohner Leipzigs, diese Hochform der Gottesverehrung kennenzulernen“ (Weitere Berichte vom 100. Katholikentag auf den Seiten 2,4,5 und 8).