Gastkommentar: Vieles klingt besser als es ist

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hat den Kampf gegen den weltweiten Hunger zur Chefsache erklärt. Das ist gut, richtig und wichtig! In den letzten vier Jahren gab es drei Hungerkrisen. Die Zahl der Hungernden ist auf nunmehr knapp eine Milliarde gestiegen. Und das, obwohl es ausreichend Nahrungsmittel für alle Menschen gibt. Gleichzeitig wird das Welternährungssystem immer krisenanfälliger. Ölpreisschocks treiben die Kosten für Düngemittel und Transport in die Höhe. Der Klimawandel gefährdet die Ernten. Spekulanten treiben die Weizen- und Maispreise nach oben. Essen landet als Biosprit im Tank statt auf dem Teller. Die Zerstörung der Böden schreitet dramatisch voran.

Das neue Zehn-Punkte-Programm des Entwicklungsministeriums (BMZ) soll nun die Marschrichtung für die nächsten zwei Jahre im Kampf gegen Hunger vorgeben. Die Stoßrichtung ist zwar richtig, aber vieles darin klingt besser als es ist. Beispiel: Zwar fließen elf Prozent des BMZ-Haushalts (663 Millionen Euro) in die ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung – ein bescheidener Anstieg von 27 Millionen Euro im Vergleich zu 2008 –, aber nur 15 Prozent gehen in die Förderung der Landwirtschaft. Viel zu wenig, um den Herausforderungen in der Landwirtschaft und den Bedürfnissen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen gerecht zu werden.

Es ist richtig, dass Bildung hilft, Armut und Hunger zu überwinden. Aber das BMZ vernachlässigt seit Jahren die Grund- und Sekundarbildung, obwohl es gerade hier weltweit eine riesige Finanzierungslücke gibt. Die Forschungsinitiative zur Landdegradation ist lobenswert, aber ohne konkrete, ökologisch ausgerichtete Maßnahmen werden Böden immer unfruchtbarer. Der geförderte Zugang zu Land und Wasser ist für die Bauern lebenswichtig, aber das BMZ sieht ihre Vertreibung als zulässig an, wenn Investoren belegen, dass sie „unvermeidbar“ ist. Niebels Motto „Vorbeugen ist besser als heilen“ macht sehr viel Sinn, aber sein Ministerium geht die wichtigsten Krisentreiber – Biospritpolitiken, Nahrungsmittelspekulation, Klimawandel – nicht an.

Stattdessen setzt der Entwicklungsminister insbesondere auf Investitionen von privaten Unternehmen und vertraut blind der Agrar- und Ernährungswirtschaft, die auf einen rabiaten Einsatz von Chemie, Düngemitteln und Gentechnik zur Bekämpfung des Hungers setzt. Er macht damit den Bock zum Gärtner. Chancen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, die die Grenzen des Planeten nicht überschreitet, werden vertan!

Die Autorin ist Agrarexpertin der Hilfsorganisation Oxfam Deutschland.