Gastkommentar: Syrien: Spirale der Gewalt

Von Erzbischof Samir Nassar

Dieser widersinnige Krieg, der Syrien seit fünf Jahren zerrüttet, veranlasst eine große Zahl junger Syrer, der Gewalt, dem Militärdienst, dem Tod und dem Chaos zu entfliehen. Da die Botschaften im Land geschlossen sind und den jungen Syrern keine Visa gewährt werden, ruinieren sie ihre Familien, indem sie ein Vermögen dafür ausgeben, auf illegalem Wege auszuwandern. Die Gefahr, der sie sich dabei aussetzen, lässt manche bei der Überfahrt ertrinken oder unterwegs zugrunde gehen.

Häufig wird den jungen Menschen aus dem Bürgerkriegsland bei ihrer Ankunft mit Ablehnung begegnet. Da die meisten von ihnen keine Fremdsprache beherrschen, leben die jungen Flüchtlinge isoliert, zermürbt ob des Leids und des stillen und doch beißenden Hasses. Sie haben alles verloren, und dennoch lässt man sie in Einsamkeit und Not leben. Ihr Ärger richtet sich gegen ihre machtlose Kirche, die kaum etwas unternommen hat, um ihnen zu helfen oder den Verbleib in ihrer Heimat zu ermöglichen. Mit Zorn denken sie zurück an ein Land, das nicht mehr wiederzuerkennen ist, ruiniert durch Hass und Intoleranz.

Jeglicher Hoffnung beraubt haben die jungen Syrer, die die Zukunft des Landes verkörperten, ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Dabei werden sie dort so sehr gebraucht. Ihre Träume sind zerplatzt in den Trümmern ihres einst so schönen Landes. Sie traten eine Reise ohne Wiederkehr an. Welch eine Misere.

Doch das Drama endet nicht mit dem Aufbruch der jungen Generation. Die syrischen Jugendlichen, die schon seit fünf Jahren auf Frieden warten, begehren auf gegen ein Leben in Not und Verlassenheit. Schulversagen, Armut und Perspektivlosigkeit verleiten sie dazu, sich bewaffneten Gruppierungen anzuschließen, in denen sie sich als mutige Kämpfer und gnadenlose Henker erweisen. Sie werden zu Kriegsmaschinen, hineingezogen in eine Spirale der furcht- und ziellosen Gewalt. Die Kirche und ihre Priester betrachten diese Entwicklung mit Sorge.

Darin sieht man die Folgen eines grauenvollen Krieges, der schon viel zu lange andauert. Anstatt die Kinder vor solchen Gräueltaten zu bewahren, überlässt man sie der totalen und willkürlichen Gewalt. Die Kindheit zu zerstören bedeutet, Jagd auf die Unschuld zu machen und jegliche Hoffnung zu ersticken. Wenn der schönste Traum des Lebens zerplatzt ist, wie soll man den reinen Geist dieser Kinder wiederherstellen? Wie soll ein Land ohne seine Kinder und Jugendlichen wieder aufleben?

Der Autor ist maronitischer Erzbischof von Damaskus. Aus dem Französischen übersetzt von Maximilian Lutz