Hongkong

Gastkommentar: Solidarität mit Hongkong

Mit seiner Hongkong-Politik hat sich Präsident Xi ins eigene Fleisch geschnitten.

Proteste in Hongkong
Schon seit Monaten halten die Proteste in Hongkong an. Foto: Kin Cheung (AP)

Bekanntlich kochen die Hongkonger gern, gut und überall. Seit Monaten kocht dort die Volksseele gar auf den Straßen. Ihre Wut legt sich trotz der brutalen, ja, bestialischen Polizeieinsätze nicht, und Präsident Xi Jinping, der sich anfangs wohl gesagt haben wird, es werde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, kriegt die Unterdrückung der Proteste der Hongkonger einfach nicht gebacken.

Widerstand gegen den tyrannischen Willen von Kaiser Xi

Die unerschütterliche Entschlossenheit der Hongkonger, Widerstand gegen den tyrannischen Willen von Kaiser Xi zu leisten, nennt sich auf Kantonesisch „Lam Tzau“. Und dieser Begriff stammt bemerkenswerterweise auch aus dem Bereich der Küche, allerdings geht es da weniger kulinarisch zu. Er beschreibt nämlich den verbissenen Todeswillen eines vor Verzweiflung fast ohnmächtig gewordenen Menschen, sich an dem mächtigen Feind festzuklammern, der versucht, ihn zu töten, um sich mit ihm in den siedenden Riesenwok zu stürzen. Es schmerzt uns Taiwaner zu sehen, wie die Hongkonger mit einem solchen Schicksal konfrontiert sind, und wir empfinden große Sympathie für die mutigen Hongkonger.

"Präsident Xi, Sie sollen bitte
schön bleiben, wo der Pfeffer wächst!"

Eine Zeitlang hieß es, Präsident Xi verlange von Carrie Lam, der Regierungschefin von Hongkong, die Suppe auszulöffeln, die sie ihm eingebrockt habe, oder sie gebe von sich aus den Löffel ab. Diese Schuldzuweisung überzeugt nicht, und die freie Welt ist eher der Ansicht, dass Lam zwar die Suppe gekocht hat, aber das nur nach dem Rezept vom Chefkoch in Peking. Nun, wie dem auch sei, sie mag Xi die Suppe etwas versalzen haben, aber es hat sich inzwischen herausgestellt, dass die Hongkonger dem Chefkoch in seine Suppe gespuckt haben. Eigentlich hat sich Präsident Xi ins eigene Fleisch geschnitten. Deutlicher kann die Message der Hongkonger an Xi nicht werden: Präsident Xi, Sie sollen bitte schön bleiben, wo der Pfeffer wächst!

Bundesaußenminister Heiko Maas hat den jungen Demokratie-Helden Joshua Wong aus  Hongkong im Bundestag getroffen. Und Bundeskanzlerin Merkel hat just bei ihrem Besuch in China vor den Medien den chinesischen Premierminister Li Keqiang auf die Hongkongaffäre angesprochen und China zum Dialog mit den protestierenden Hongkongern gemahnt. Sie forderte Peking vor allem auf, den Fall nicht mit gewalttätigen Mitteln zu lösen. Hier schloss sich Frau Merkel dem an, was die USA und die G-7-Staaten Peking gegenüber geäußert haben, allerdings mit dem Unterschied, dass sie das vor den Medien im Angesicht des Premierministers persönlich tat und diesen zu einer Stellungnahme gezwungen hat.

Peking wird sich nicht beeinflussen lassen

Lässt sich Peking davon beeinflussen? Wer wie wir Taiwaner das kommunistische Regime Chinas kennt, wird diese Frage gleich verneinen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Katze lässt das Mausen  nicht, oder einer chinesischen Redewendung entsprechend, der Hund lässt das Kotlecken nicht. Spätestens seit dem Tian‘anmen-Massaker im Jahre 1989, als die KPCh Blut geleckt hat, ist sie auf dem Geschmack gekommen. Aus der Praxis hat sie gelernt: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten, und damit basta!

Inzwischen werden in China auch Menschen, die sich positiv über diese Protestbewegung äußern, von der Polizei ‚zu einer Tasse Tee‘ eingeladen. Das sagt man so im chinesischen Kulturkreis und meint damit, dass der armselige Bürger entweder von kriminellen Banden oder der Polizei bzw. Staatssicherheitskräften eingeschüchtert wird. Vor allem in China geschieht das derart häufig, dass man zu Recht davon ausgehen kann, dass das Regime in Peking inzwischen nicht alle Tassen im Schrank hat. Man darf auf keinen Fall dem Glauben verfallen, es werde in Peking auch nur mit Wasser gekocht. Nein, eben nicht. Dort wird mit Blut gekocht, wenn es darauf ankommt.

Es geht um mehr als nur ein Auslieferungsgesetz

Wenn also zwei Millionen von den 7,3 Millionen Hongkongern auf die Straße gehen und es selbstverständlich nicht nur Studenten und Schüler sind, die an dieser Protestbewegung teilgenommen haben, sondern Bürger aus allen gesellschaftlichen Schichten, dann geht es ja um mehr als nur um ein Auslieferungsgesetz. Die Hongkonger wollen Freiheit und sind willens, das Regime endgültig in die Pfanne zu hauen, ja, da liegt der Hase im Pfeffer! Haben die Bürger die Nase voll, hat das Regime die Hose voll, auch wenn es über ein so mächtiges Militär verfügt.

Der Westen kann Peking noch so viel und oft zur gewaltlosen Lösung mahnen, aber solange China den Eindruck hat, dass der Westen nicht wie die Hongkonger fest entschlossen ist, seine Werte zu verteidigen, sondern eher darauf bedacht ist, seine Waren in China zu verkaufen, dann werden wohl alle Bemühungen des Westens den Kohl auch nicht fett machen. Der Westen muss endlich begreifen, dass Werte zu verteidigen, an die man glaubt, und Waren zu verkaufen, wovon man lebt, sich nicht notwendigerweise ausschließen.

Ich bin gespannt: Kommt jetzt eine Peking-Ente oder ein Peking-Ende? Abwarten und Tee trinken.

Der Autor ist seit 2016 Repräsentant von Taiwan an der Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland. Vorher lehrte der studierte Germanist an der Soochow University in Taipeh deutsche Sprache und Kultur.