Gastkommentar: Schwerstkranken lässt sich helfen

Von Thomas Sitte

Nun begleite ich selber rund 40 Jahre Sterbende aus den verschiedensten Funktionen heraus, als Angehöriger, Krankenpfleger und Arzt, als Assistent in der Gynäkologie oder Inneren Medizin, als Experte in der Anästhesie, Intensivmedizin und Palliativversorgung. Ich bin dankbar geworden; für jeden Tag, an dem meine Lieben und ich selber gesund sind. Gleichzeitig durfte ich lernen, dass ich mein Sterben und meinen Tod nicht zu fürchten brauche. Doch ich habe Angst, wenn es um das Sterben selbst geht!

In Deutschland ist derzeit jedermann die Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt. Ein vollständiges Verbot wäre politisch nicht durchsetzbar. Selbsttötung wegen Leidens am Lebensende ist nie notwendig! Das ist leider nahezu unbekannt. Sterben kann natürlich geschehen, ohne dass es durch Helfer beschleunigt oder hinausgezögert wird. Dabei kann es weitgehend leidfrei geschehen.

Bei wirklichen Problemen braucht man keinen Suizid als Lösung, wenn man sich behandeln lassen will, kann ein Palliative Care Team so wirkungsvoll Beschwerden lindern, wie man es sich als weniger Erfahrener kaum vorstellen kann. Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Darmverschlüsse, schlimmste Wunden sind behandelbar. Wenn es sein muss, sind sie soweit behandelbar, dass der meist todesnahe Patient sehr müde wird und schläft, bis er – natürlich, ohne nachzuhelfen, zu verzögern oder zu beschleunigen – gestorben ist. Trotzdem wird der Ruf immer lauter, Leben abzukürzen, und dafür zu sorgen, dass Beihilfe zur Selbsttötung leichter verfügbar und gut organisiert als normale Dienstleistung, todsicher eben, angeboten werden kann. Die Begründung ist immer wieder: Weil sonst viele Menschen leiden würden. Am Besten sollte die Beihilfe durch Ärzte geschehen. So behauptet man zum Beispiel, man könne Schienensuizide durch Beihilfe zur Selbsttötung gut verhindern. Nichts davon ist belegbar. Auch weiß jeder, der sich mit solchen Todesfällen beschäftigten muss, dass sich Schwerstkranke quasi nie vor den Zug werfen. Es wäre zynisch, würde man auch jenen noch bei der Selbsttötung helfen, die aus Verzweiflung oder Depression heraus einen gewaltsamen Tod versuchen.

Schwerstkranken könnte wirkungsvoll geholfen werden, wenn sie eine Behandlung wünschen. Und wenn diese Palliativversorgung regional auch exzellent verfügbar wäre. An dieser Verfügbarkeit krankt es leider noch sehr oft. Deswegen unterstütze ich das Vorhaben für ein Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung.

Der Autor ist Palliativmediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung (DPS)