Gastkommentar: Russland und die Indigenen

Von Sarah Reinke

Polizisten vor der Tür. Gerade hat er noch die Eröffnungsrede für die Konferenz über die Rechte indigener Völker überarbeitet – jetzt wird seine Wohnung stundenlang durchsucht. Suljandziga informiert die Konferenzteilnehmer, die aus den entlegensten Winkeln Russlands angereist sind. Alle machen sich sofort Sorgen: Wieso wieder eine Durchsuchung? Richtet sich die Schikane gegen ihr Zusammentreffen oder gegen Suljandziga als Leiter ihrer letzten, wichtigsten unabhängigen Organisation, des „Zentrums zur Unterstützung der indigenen Völker des Nordens“? Er muss mit zur Polizeiwache und wird befragt. Seinen Computer muss er dort lassen. Und am Montag folgt ein weiteres Verhör. Die Botschaft ist klar: Der russische Staat duldet kein Engagement für die in der Verfassung verankerten Rechte der Indigenen.

Die Unterdrückung der Jakuten, Ewenken, Ewenen, Itelmenen, Korjaken, Schoren, Nenzen und vieler anderer indigenen Gemeinschaften hat in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Sowjetzeit kollektiviert, die Kinder in Internaten russifiziert, versuchen sie seit den 1990er Jahren, ihre Kultur wiederzubeleben, ihre Sprachen zu bewahren, ihre Lebensweise und Umwelt zu schützen. Moskau sieht das als oppositionelle Tätigkeit. Staat und Wirtschaft plündern rücksichtslos die Ressourcen auf dem traditionellen Land der Indigenen, und niemand soll erfahren, wie es den Menschen hier wirklich geht. Die Schikanen gegen Suljandziga gehören zu einer langen Reihe von Repressionen gegen Vertreter der 143 „zahlenmäßig kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“. Es gibt auch andere Beispiele wie das der Eheleute Tannagashev vom Volk der Schoren im Kusbass. Sie wehrten sich dagegen, dass die letzten Schoren-Dörfer dem Kohleabbau weichen müssen. Da begann in den Medien eine Schmutzkampagne gegen sie. Beide verloren ihre Arbeit. Jetzt werden sie regelmäßig vom Geheimdienst verhört. Übrigens: Vom Kohleabbau profitiert auch Deutschland. 30 Prozent „unserer“ Steinkohle kommt aus dem Kusbass. Auch Pavel Suljandziga, der Bruder Rodions, wurde eingeschüchtert. Er leitet die UN-Arbeitsgruppe für indigene Völker und Wirtschaft. Im September 2016 wagte er es, für die Oppositionspartei Jabloko zu kandidieren. Doch er wurde massiv bedroht und musste fliehen. So verlieren jene, die am dringendsten auch international Fürsprecher brauchen, ihre kompetentesten Vertreter. Die Angst vor genau diesem Schicksal lässt viele andere schweigen.

Die Autorin ist Osteuropa-Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker.