Gastkommentar: Lund öffnet die Herzen vieler

Von Professor Rolf Hille

Ein kirchenhistorisches Ereignis war sie allemal, diese Gedenkfeier zum 500. Jahr der Reformation im schwedischen Lund. Diente der 31. Oktober über Jahrhunderte zu Polemik und theologischer Abgrenzung, so lud der Lutherische Weltbund zu Beginn des Lutherjahres 2016/17 den Bischof von Rom ein. Papst Franziskus bewährte erneut sein Charisma, auf andere zuzugehen und die Hand zur Versöhnung zu reichen. So würdigte er ausdrücklich Martin Luthers Berufung auf die Gnade Gottes und sein Eintreten für die Frohe Botschaft. Bewegende Begegnungen: Die Heilung von Wunden aus der Vergangenheit, die Bitte um Vergebung, der mutige Aufruf, künftig alles zu tun, was der Einheit der Kirchen dient. Durch brüderliche Umarmungen und den Friedenskuss besiegelte man die Gemeinschaft.

Nach Lund stellt sich nun die Herausforderung, die Versöhnung der Kirchen an der Gemeindebasis zu leben. Wird auch der theologisch-konservative Teil des Protestantismus, die Evangelikalen, diesen Weg mitgehen? Zunächst muss man erkennen, dass die Evangelikalen zur Ökumene eine zwiespältige Haltung einnehmen. Einerseits sind sie durch die Gründung der Evangelischen Allianz 1846 in London eine wichtige Vorhut des neuzeitlichen Ökumenismus. Andererseits bestehen noch tiefsitzende Vorurteile gegen Katholiken und den Papst im Besonderen. Hier dürfte Lund eine positive Wirkung zeigen: Die innige Jesusliebe des Papstes und sein Eintreten für Barmherzigkeit öffnet die Herzen vieler Skeptiker. Seit Jahrzehnten hat das theologische Gespräch zwischen dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und evangelikalen Vertretern in Sachfragen das gegenseitige Verständnis befördert. Diese Impulse erhalten durch die in Lund demonstrierte Einheit Rückenwind.

Schließlich wissen viele Evangelikale inzwischen, was sie an der katholischen Kirche haben. So schätzen sie die Verlässlichkeit des katholischen Partners in grundlegenden dogmatischen und ethischen Fragen. Der Bezug auf die Heilige Schrift als verbindlicher Maßstab für Glaube und Leben zeigt fundamentale Übereinstimmungen, sowohl im Blick auf das Bekenntnis als auch im Blick auf ethische Probleme wie Abtreibung, Euthanasie, Familie, homosexuelle Partnerschaften. Die Übereinstimmungen verbinden Evangelikale heute tiefer mit der römischen Kirche als mit liberalen Positionen in ihrer eigenen Kirche. So wächst eine vielversprechende Perspektive hin zu einer Art „Bekenntnisökumene“.

Der Autor lehrt als evangelikaler Theologe an der Freien Theologischen Hochschule Gießen.