Gastkommentar: Ja zu PID ist Verfassungsbruch

Von Hartmut Steeb

In den Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird neu über die Stellung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) beraten. Mit guten Gründen hatte sich die EKD früher – im weitestgehenden Gleichklang mit der katholischen Kirche und den Behindertenverbänden – gegen eine Zulassung ausgesprochen. Da der Bundesgerichtshof durch sein Urteil die Sicherheit genommen hat, die PID sei in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten, muss der Deutsche Bundestag erneut debattieren. Dabei muss das Ziel sein, dass die selbstverständlich 1990 noch nicht explizit verbotene PID – weil sie ja noch gar nicht bekannt war – in den Verbotsrahmen des Gesetzes zu stellen. Aber das darf doch nicht dazu führen, dass gewiss richtige Positionen in Frage gestellt werden. Denn ein Ja zur PID wäre ein Bruch der Verfassungsordnung. Das hat der frühere Vorsitzende der EKD-Kammer für öffentliche Verantwortung, Professor Wilfried Härle, in einer Podiumsdiskussion in der letzten Woche in Berlin deutlich gemacht. Damit hat er auch der Äußerung des CDU-Politikers widersprochen, der sein Ja zur PID damit rechtfertigt, dass „das Prinzip den Menschen und nicht die Menschen dem Prinzip“ dienen müsste. Ja, klar!

Aber kann denn die Tötung eines menschlichen Lebens jemals dem Menschen dienen? Darf die Entscheidung über Tod oder Leben eines Menschen in unserem Staat und natürlich erst recht für Kirchen und Christen auf die Ebene einer persönlichen Gewissensentscheidung erniedrigt werden? Denn nicht nur das Gewissen, auch das staatliche Recht und die kirchlichen Stellungnahmen müssen vom Wissen um das menschliche Leben geprägt sein und bleiben: Das Leben eines Menschen beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Auch wenn daran Menschen beteiligt sind: Gott ist der Schöpfer menschlichen Lebens. Darin begründet sich die unabänderliche Würde jedes Menschen. Diese Würde gilt jedem Menschen in jeder Phase seines Lebens, ob krank oder gesund, jung oder alt, ob seine Lebenserwartungen hoch oder niedrig sind, auch schon vor der Geburt. Jede Form der Selektion menschlichen Lebens in schützenswertes oder weniger schützenswertes, in für eine weitere Entwicklung und Förderung geeignetes und weniger geeignetes, widerspricht der Würde des Menschen. Je weniger sich Menschen selbst für ihre eigene Würde einsetzen können, desto wichtiger ist die Fürsorge durch Andere und der rechtliche Schutzmantel, den sie zum Leben brauchen. Zu beidem sind wir verpflichtet, als Christen, Kirchen und staatliche Gemeinschaft.

Der Autor ist Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz.