Gastkommentar: Inklusion, aber richtig!

Von Roswitha Fischer

Die UNESCO hat das Ziel ausgerufen, allen Menschen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, auch Menschen mit Behinderungen. Das positive Ziel „Inklusion“ war plötzlich in aller Munde. Aber ist das, was heute als Inklusion in der Bildung verkauft wird, wirklich gemeint, wenn es um die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in die Welt der Menschen ohne Behinderungen geht?

Das Ziel der UNESCO hat in unserem Land vor allem die Verfechter der Einheitsschule auf den Plan gerufen. Es wurden mit Unterstützung bestimmter Elterngruppen Kinder mit Behinderungen in Regelschulen geschickt. Parallel dazu wurden Förderschulen aufgelöst. Das „gemeinsame Lernen mit individueller Förderung“ wurde hochgejubelt und ad hoc auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler eingeführt, ohne entsprechende Vorbereitung der Lehrkräfte.

Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen sind für die Förderung von Kindern mit Behinderungen nicht ausgebildet, sodass diesen Kindern ein schulischer Erfolg von vornherein verwehrt ist. Wie so oft in unserem Land wird zwar von individueller Förderung gesprochen, aber danach werden alle gleich unterrichtet. Die jeweilige Art der Behinderung wird nicht zur Kenntnis genommen und ein Erfolg versprechender Weg nicht eingeschlagen. Wenn allen Kindern Zugang zu Bildung eröffnet werden soll, muss ein anderer Weg gegangen werden: Kinder mit Behinderungen müssen möglichst früh von Spezialkräften gefördert werden. Es müssen die Zeitfenster genutzt werden, um bestimmte Entwicklungen reifen zu lassen. Bei jedem Kind muss eine Einzelentscheidung über den Wechsel in eine andere Schulform getroffen werden. Dabei ist unverzichtbar die Kenntnis über die Art der Behinderung. Erfolgserlebnisse dürfen nicht dadurch entstehen, dass bei Kindern in einer Gruppe unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. So ein Verfahren führt zur schmerzlichen Erfahrung einer Minderwertigkeit, was ja gerade verhindert werden soll. Auch im Förderbereich ist der Einheitslehrer für alle keine wirkliche Hilfe für die Kinder.

Nicht vergessen darf man, dass ein Schulsystem mit einer Schule für alle, in der der Einheitslehrer alle Kinder und Jugendlichen unterrichtet, finanziell günstiger ist, als ein hochwertig differenziertes Schulsystem, in dem jedes Kind die Schule finden kann, in der es seiner Eigenart entsprechend am besten gefördert wird. Aber dies könnten wir in unserem Land für unsere Kinder leisten, wenn uns „Inklusion“ wirklich ein Anliegen ist.

Die Autorin ist Bundesvorsitzende des Vereins katholischer Lehrerinnen.