Gastkommentar: Gewalt nicht tabuisieren

Von Ralf Suhr

Jede fünfte Person in Deutschland gibt an, schon einmal mit Aggression und Gewalt in der Pflege Erfahrungen gemacht zu haben. Von den Befragten mit konkreter Pflegeerfahrung berichtet das sogar jeder Dritte. Die repräsentativen Ergebnisse der ZQP-Studie zeigen, dass Gewalt in der Pflege kein Randphänomen ist. Vielmehr handelt es sich um ein angstbesetztes, hochemotionales und häufig auch tabuisiertes Problem, das in der Mitte der Gesellschaft auftritt. Dabei ist zu sehen, dass Pflegende und Gepflegte gleichermaßen mit Situationen von Gewalt und Aggression in der Pflege umgehen müssen. Es liegt in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, beide Seiten durch präventive und akute Maßnahmen zu schützen.

Das Phänomen Gewalt und Aggression ist zweifelsohne vielschichtig und muss differenziert betrachtet werden. Außer Diskussion ist, dass Misshandlung und Gewalt in der Pflege gesellschaftlich inakzeptabel sind und fundamental gegen die christlichen Wertvorstellungen unserer Gesellschaft verstoßen. Interventionen in der sozialen und politischen Sphäre sind längst überfällig – aber die Unsicherheit ist groß, wie dieses Problem konkret bewältigt werden soll. Auch von Seiten des Gesetzgebers wurde das Thema bislang vernachlässigt: Im derzeitigen Pflegeversicherungsgesetz wird Gewaltschutz nicht berücksichtigt. Auch sind zurzeit wenige Bestrebungen erkennbar, den gesetzlichen Anspruch auf Pflegeberatung mit einem vereinheitlichten, qualitätsgesicherten Angebot zu verbinden.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Prävention von Gewalt und Misshandlung in der Pflege mit einem sensibilisierten gesellschaftlichen Umfeld anfängt. Die Bevölkerung muss aufgeklärt werden, wie sie Gewalt in der Pflege erkennen und wie sie Gepflegte und Pflegende in belasteten Situationen unterstützen kann. Aktuell hat das Zentrum für Qualität in der Pflege eine Online-Datenbank mit allen in Deutschland bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangeboten veröffentlicht, die sich auf das Thema „Gewalt in der Pflege“ spezialisiert haben. Noch sind diese Angebote nicht ausreichend bekannt und nicht alle Betroffenen finden konkrete Unterstützung. Deshalb müssen sie weiter ausgebaut sowie geeignete Qualifizierungsmaßnahmen bereitgestellt werden. Eine menschliche Pflege darf das Problem der Gewalt nicht tabuisieren. Umso wichtiger ist es, den öffentlichen Diskurs zum Thema faktenbasiert und nicht skandalisierend weiterzuentwickeln. Nur so kann die Versorgungsqualität im Sinne der Betroffenen verbessert werden.

Der Autor ist Vorsitzender der Stiftung „Zentrums für Qualität in der Pflege“ (ZQP).