Gastkommentar: Erziehungshoheit verteidigen

Von Hans-Peter Richter

Die am 2. April 2009 vom Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig beschlossene Aufklärungskampagne hat die Grundschulen erreicht! Mit Beginn des Schuljahres soll mit Hilfe des „Bücher und Spielekoffers“ den Erstklässlern die Vielfalt des Sexuallebens nahegebracht werden, um „insbesondere im Bereich Schule und Jugendhilfe ein Fundament dafür (zu) schaffen, dass Diskriminierung, Mobbing und Gewalt auf Grund verschiedener Merkmale – insbesondere in Hinblick auf Vorurteile gegenüber Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intergeschlechtlichen Personen wahrgenommen, abgebaut und präventiv verhindert werden.“ Federführend ist hier QUEERFORMAT, eine gemeinschaftliche Initiative der Berliner Bildungsträger ABqueer e.V. – einem „Trägerverein für Aufklärung und Beratung zu lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Lebensweisen“.

Es ist richtig, dass sich die weltanschaulich neutrale Schule aufgrund ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags nicht allein auf die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten zurückziehen darf. Schule muss auch zu Toleranz und zur Achtung der Würde eines jeden Menschen erziehen. Insofern umfasst der schulischer Bildungsauftrag auch die Vermittlung ethischer Normen und kultureller und religiöser Werte.

Und hier ist Schule gebunden – insbesondere an den Wertekanon des Grundgesetzes. Nicht leichtfertig stellten die Mütter und Väter des Grundgesetzes in Artikel 6 die Familie, das Elternrecht und das Kindeswohl unter den besonderen Schutz der Verfassung: Die Familie als den Lebensnerv einer jeden Gesellschaft und das Wissen darum, dass „in aller Regel Eltern das Wohl des Kindes mehr am Herzen liegt als irgendeiner anderen Person oder Institution“ (BVerfGE 59, 360; 61, 358) müssen Eltern und Erziehungsberechtigte bei solch wichtigen existenziellen Inhalten aufhorchen lassen. Sie müssen ihr Erziehungsrecht und auch ihre Erziehungspflicht engagiert wahrnehmen und in diesem wichtigen Bereich der Sexualerziehung und der Wertebildung ihre Kinder nicht einfach einem scheinbar liberalen aufklärerischen Senat die Erziehungshoheit überlassen. Aus meiner Sicht sind folgende Fragen unbeantwortet: Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzt diese Aufklärungskampagne und welche Lebensformen werden den Kindern vorgestellt – und welche nicht? Kann man pädagogisch vertretbar in der Grundschule alles zeigen oder ansprechen, was Realität ist? Darf in einem verantwortlichen Unterricht sexuelle Vielfalt ohne Rückbindung an einen Wertekanon gleichgültig nebeneinander gestellt werden? Wie sensibel antwortet die Lehrkraft auf die Fragen der Kinder und wie hilft sie dem Kind auf dem Weg, einen eigenen Lebensentwurf zu finden? Gerade in diesem Zusammenhang muss die Schule das Primärerziehungsrecht der Eltern oder Erziehungsberechtigten für die ihnen anvertrauten Kinder achten.

Der Autor ist Leiter des Dezernats

Schule, Hochschule und Erziehung des

Erzbistums Berlin.