Gastkommentar: Entscheidung für Kurdistan

Von Kamal Sido

Nach einer langen, leidvollen Geschichte haben die Menschen in Irakisch-Kurdistan ein Recht auf Selbstbestimmung. Dort soll es nach dem Willen der kurdischen Führung am 25. September eine Volksabstimmung über die Errichtung eines eigenen Staates geben. Alles sieht danach aus, dass eine sehr große Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit stimmen wird. Was aber wird aus den Christen und anderen Minderheiten? Kurdische Politiker machen ihnen viele Versprechungen: „Die Christen werden in Kurdistan gleichberechtigt leben, mit allen Rechten und Pflichten.“

Die Geschichte lehrt uns, dass das Verhältnis zwischen den mehrheitlich sunnitischen Kurden und den assyrisch-aramäisch-chaldäischen Christen nicht immer einfach war. Das ist milde ausgedrückt, denn es kam nicht selten dazu, dass sich Teile der muslimischen Kurden an Massakern an Christen beteiligten. Es stimmt, dass die Kurden heute mehrheitlich „tapfere Kämpfer“ gegen den „Islamischen Staat“ (IS) sind. Aber wer kann garantieren, dass es in Zukunft so bleibt? Sind die Kurden für immer immun gegen den radikalen Islam? Nein, sie sind es nicht. Daher muss schon heute sichergestellt werden, dass es nicht zu einer weiteren Islamisierung Kurdistans kommt. Eine klare Trennung von Staat und Religion ist dringend notwendig. Die Einflüsse der türkischen AKP Erdogans, der Muslimbruderschaft sowie der dem Iran loyalen schiitischen Gruppierungen müssen umgehend eingeschränkt werden.

Damit es nicht bei Versprechungen bleibt, muss eine Einigung zwischen Kurden und Assyrern/Aramäern/Chaldäern über die Zukunft der sogenannten Ninive-Ebene erzielt werden. Die Christen bilden in dieser Region nördlich und östlich von Mossul eine große Minderheit. Wenn den Christen dort angeboten wird, ihr Gebiet wie ein Bundesland selbst zu verwalten, dann könnten sich viele von ihnen ermutigt fühlen, sich für einen Anschluss ihrer Gebiete an das unabhängige Kurdistan zu entscheiden.

Um allen Volksgruppen gerecht zu werden, müssen sich die Kurden vertraglich dazu verpflichten, allen Ethnien und Religionsgemeinschaften im zukünftigen Kurdistan alle Freiheiten im Sinne der UN-Menschenrechtscharta und darüber hinaus zu gewährleisten. In Kurdistan darf es nicht dazu kommen, dass nur eine Sprache, eine Religion, eine Ethnie, eine Fahne, eine Partei, eine Person oder ein Clan alles im Lande bestimmt. Dann könnte es für Christen „einfach“ sein, sich zwischen dem weitgehend von Islamisten beherrschten arabischen Irak und Kurdistan zu entscheiden.

Der Autor ist Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).