Gastkommentar: Ein strukturelles Problem

Ich bin in größter Sorge: Flüchtlingskinder sind in Massenunterkünften wie Zeltlagern, Turnhallen und Kasernen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen geschützt. Gemeinschaftsunterkünfte sind keine geeigneten Lebensräume für Kinder. In Flüchtlingsunterkünften fehlen oft klare Strukturen und Regeln für das Miteinander. Das macht es Tätern leicht, Nähe zu den besonders schutzbedürftigen Flüchtlingskindern herzustellen und auch sexuelle Übergriffe zu begehen. Seit Monaten fordere ich, dass in Flüchtlingsunterkünften Schritt für Schritt Mindeststandards zum Schutz vor sexueller Gewalt eingeführt werden: Die Helfenden müssen für die Gefahren von sexueller Gewalt sensibilisiert und Flüchtlinge darüber informiert werden, dass sexuelle Gewalt in Deutschland verboten ist und wo es Hilfe gibt. Außerdem braucht es dringend strengere personelle Standards, zum Beispiel sollte die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses für Hauptberufliche und Ehrenamtliche Pflicht sein oder wenigstens eine Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnet werden. Es muss kontrolliert werden, wer ein- und ausgeht. Auch räumliche Standards wie geschützte und nach Geschlechtern getrennte Sanitärbereiche und separate Unterkünfte für Familien und alleinstehende Mütter mit Kindern sollten bundesweit zur Verfügung stehen.

Vielfach schweigen betroffene Flüchtlinge über sexuelle Übergriffe, weil das Thema für sie mit großer Scham besetzt ist, aber auch weil sie Angst haben, dass ein Hilfegesuch oder eine Anzeige sich negativ auf das Asylverfahren auswirken könnten. Auf Seiten der Betreiber von Unterkünften besteht große Sorge, Berichte über sexuelle Übergriffe durch Bewohner könnten die rechtsextreme Hetze gegen Flüchtlinge verschärfen. Es sind aber nicht nur Bewohner von Unterkünften, die sexuelle Übergriffe begehen – es wird auch von Fällen durch Wachpersonal oder vermeintlich ehrenamtlich Helfende berichtet. Wir haben es nicht mit einem primär kulturellen, sondern vor allem mit einem strukturellen Problem zu tun: Was wir für Kitas und Schulen in Deutschland fordern, muss auch für Flüchtlingskinder gelten. Wir brauchen wirksame Schutzmaßnahmen an allen Orten, an denen Kinder Erwachsenen anvertraut sind – auch in Flüchtlingsunterkünften!

Ausmaß, Dimension und Folgen von sexueller Gewalt müssen von allen politischen und gesellschaftlichen Akteuren noch viel stärker wahrgenommen werden. Wir brauchen noch viel mehr Investment in Prävention. Das in der UN-Kinderrechtskonvention verankerte Recht aller Kinder – auch der Flüchtlingskinder – auf Schutz vor sexueller Gewalt muss endlich gelebter Alltag werden.

Der Autor ist Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs