Gastkommentar: Duckmäuser oder Europäer?

Kraft und Lebendigkeit stecken im kulturellen Erbe Europas, das wurde im Europäischen Kulturerbejahr deutlich. Von Georg Austen

Das Jahr 2019 hat es in sich. Mit besonderer Spannung und gemischten Gefühlen blicke ich auf die Europawahl. In Anbetracht der politischen Lage des Kontinents könnte man sagen: Ein Gespenst geht um in Europa. Nein, nicht das des Kommunismus. Dieses Gespenst hat sich in der Geschichte selbst enttarnt. Vielmehr ist es das Gespenst, das sich Angst nennt. Es wird von Menschen heraufbeschworen, die mit den Sorgen ihrer Mitmenschen spielen. Sie deuten die Zeichen der Zeit bewusst falsch. Um dem entgegenzuwirken, hat die Europäische Kommission das Jahr 2018 bewusst zum Europäischen Kulturerbejahr erklärt.

In zahlreichen Projekten konnte aufgezeigt werden, dass Kraft und Lebendigkeit im kulturellen Erbe Europas stecken. Ein Erbe, das ohne seinen jüdisch-christlichen Ursprung nicht zu denken ist. Europa – so wurde in den Aktionen, Begegnungen und Rückmeldungen klar – lebt von und durch seine kulturelle Diversität. Dazu gehört auch ein respektvoller Diskurs und nüchterne Selbstreflexion. Wer darauf abzielt, dass alle und alles im Gleichschritt marschiert, beschwört unweigerlich eine gesellschaftliche Resonanzkatastrophe.

Im Handeln Jesu wird deutlich, dass in der liebenden Annahme des Andersseins des Nächsten das Potenzial für eine friedvolle Zukunft steckt. Um Christus in der Welt zu bezeugen und Glaubensstifter zu sein, braucht es die Anderen – auch im Dialog mit Andersdenkenden und -glaubenden. Diejenigen, die ihm gefolgt sind und folgen, sind zudem keine ängstlichen Duckmäuser, sondern Charakterköpfe.

Es eint sie, dass sie gemeinsam, respektvoll und furchtlos am Reich Gottes auf Erden mitbau(t)en. Dass im christlichen Erbe Europas Knowhow, Gestaltungswille und Vitalität steckt, wurde im Europäischen Kulturerbejahr deutlich.

Nehmen wir dieses Erbe aber auch tatsächlich an?

Der Autor ist Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Das Werk fördert die Diaspora-Seelsorge.