Gastkommentar: Die eugenische Gesellschaft

Von Professor Paul Cullen

Wir leben in Deutschland in einer Gesellschaft, in der auf die Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen großen Wert gelegt wird. Gott sei Dank, kann man sagen, denn das war in Deutschland nicht immer so, und ist auch heute in vielen Teilen der Welt leider immer noch nicht der Fall.

Gleichzeitig wird jedoch – in Deutschland wie andernorts – die fundamentalste Bedingung für Teilhabe, nämlich die nackte Existenz selbst, durch die sogenannte pränatale – also vorgeburtliche – Diagnostik immer mehr infrage gestellt. Ich schreibe „sogenannte Diagnostik“, weil es sich hier gar nicht um echte Diagnostik handelt. Das ist eine Mogelpackung. Denn in der Diagnostik geht es darum, eine Krankheit oder Störung zu identifizieren, damit sie behandelt und gelindert werden kann. Doch bei der sogenannten pränatalen Diagnostik geht es überhaupt nicht um Therapie, sondern um das Ausselektieren dessen, wonach gefahndet wird, also um reine Selektion.

Hinter Techniken wie der konventionellen Pränataldiagnostik, der Präimplantationsdiagnostik (PID), der nicht-invasiven Pränataldiagnostik (NIPD) sowie hinter den Versuchen, die Keimbahn des Menschen mittels neuer Gentechnik zu verändern, steckt eine Idee. Die Idee nämlich, dass es Menschen verschiedener Güteklassen gäbe, und dass wir wüssten, was das Optimum, also das Beste wäre. Diese Idee hat einen Namen – wir nennen sie Eugenik. Und, wie Manfred Spieker einmal sagte: „Am Ende [dieser Entwicklung] steht die eugenische Gesellschaft, die eine ungetestete Schwangerschaft für verantwortungslos hält.“

Hier geht es also in den allermeisten Fällen darum, Menschen schon vor ihrer Geburt – am besten noch auf Kosten der Krankenkasse – in zwei Güteklassen zu sortieren. In die eine Klasse, die es wert ist, geboren zu werden, und in eine weitere Klasse, die ihre Geburt nicht verdient und deshalb vernichtet werden kann oder sogar vernichtet werden soll. Hier wird der Gedanke der Inklusion und Teilhabe auf den Kopf gestellt!

Wir bei den „Ärzten für das Leben“ lehnen diese Vorstellung vehement ab. Unser Auftrag als Ärzte besteht gerade darin, allen Menschen – auch und gerade vor der Geburt – „unabhängig von Eigenschaften und Umständen“ zu helfen und beizustehen. Als Ärzte müssen wir den Schwachen helfen und dürfen nicht anderen dabei helfen, sie zu beseitigen.

Der Autor ist Labormediziner und Vorsitzender der „Ärzte für das Leben“ e.V.