Gastkommentar: Die Olympiade als Chance

Von Martin Lessenthin

Wer erinnert sich noch an die Olympischen Spiele von 2004, als erstmals Sportler beider koreanischer Staaten vereint an den Spielen teilnahmen? Einen historischen Durchbruch erzielten Nord- und Südkorea bereits bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, als die koreanischen Olympia-Mannschaften aus dem Süden und dem Norden bei der Eröffnungsfeier gemeinsam hinter der Flagge der koreanischen Halbinsel einmarschierten. Mit Recht sprach damals die Welt von einer großen Geste, die Hoffnung für Frieden und Menschenrechte bedeuten könnte.

Daraus wurde nichts. Aber mit Blick auf die am 9. Februar 2018 im südkoreanischen Pjöngjang beginnenden Winterspiele sind die Hoffnungen auf eine Beteiligung Nordkoreas und Gemeinsamkeiten beider koreanischer Staaten umso größer. Denn noch nie wurden die von Nordkorea ausgehenden Gefahren für den Weltfrieden als so ernst empfunden. Die zahlreichen Raketentests, verbunden mit atomarer Bedrohung, gefährden nicht allein das demokratische Südkorea und Japan. Die nordkoreanischen Raketen sind auch eine potenzielle Bedrohung für die USA, Deutschland und andere europäische Staaten.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wünscht sich Sicherheit und einen reibungslosen Ablauf. Es wirbt daher um eine Beteiligung von Athleten aus dem Norden. Sogenannte „Wildcards“ für die Anmeldung zusätzlicher Wettkampfteilnehmer sollen die Führung Nordkoreas für die Teilnahme an den Winterspielen im südkoreanischen Pjöngjang erwärmen und von möglicherweise geplanten Übergriffen auf die Spiele abhalten.

Das IOC setzt gegenüber der nordkoreanischen Führung konsequent auf die Kernpunkte der Olympischen Bewegung. Die Friedensidee war der zentrale Leitgedanke Pierre de Coubertins, des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit. Dabei war er nicht weltfremd. Damit sich die Menschen achten können, müssen sie sich zuerst kennenlernen, schrieb er. Dies sollte auch heute Ansporn für die Wettkampfteilnehmer aus aller Welt, insbesondere aber für die aus beiden Teilen Koreas sein. Pyeongchang ist eine Chance für Frieden und Menschenrechte, vor allem für den Diktator Kim Jong-un und die Stützen seiner Herrschaft. Sie müssen sich der Welt öffnen, wenn sie eine positive Zukunft für sich und die Menschen auf der koreanischen Halbinsel wollen.

Der Autor ist Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.