Gastkommentar: Damit das Leben wieder schmeckt

Von Beda Maria Sonnenberg

Ich schlage die Zeitung auf und lese Berichte über Gammelfleisch, über Dioxin in Futtermittel, über Antibiotika-Einsatz bei Hühnern... Die Skandale um Lebensmittel scheinen kein Ende zu nehmen. Bei meinen Wanderungen um das Kloster fällt mir auf: Die Obstbäume an den öffentlichen Verkehrswegen sind voller Äpfel, niemand scheint sich dafür zu interessieren oder sie zu pflücken. Nachdem ich eine Nacht in der Klosterbäckerei gearbeitet habe, schätze ich jetzt mein tägliches Brot und wundere mich über weggeworfene Lebensmittel.

Ungelöste Fragen und Skandale laden ein, tiefer über das Leben nachzudenken. Die Kultur des Lebens gründet in bedachtsamen und aufmerksamen Lebensvollzügen.

Würde man den oft zitierten Satz: „Man ist, was man isst“ vom Anbau bis zur Nahrungsaufnahme entfalten, würde sich folgende Satzreihe ergeben: „Man ist, was man anbaut“, „man ist, was man erntet“, „man ist, was man verarbeitet“, „man ist, was man kocht“ und „man ist, was man wegwirft“.

Die Lebensmittelerzeugung und der Nahrungsmittelverbrauch lassen Menschsein in einem bemerkenswerten Licht erscheinen: Gilt Menschsein als gelungen, wenn große Mengen angebaut wurden, wenn es wenig Arbeit gemacht hat, wenn keine Verantwortung übernommen werden musste und wenn es schnell gegangen ist? Halten hohe Produktivität, rationelles Arbeiten, geringe Verantwortung und dynamische Lebensgeschwindigkeit Antworten bereit auf unsere Sehnsucht und unser Fragen nach einem guten und gelungenen Leben?

Soll alltägliches Leben glücken, möchte ich schon jetzt etwas vom Leben haben, so ist meine Wertschätzung gegenüber dem eigenen Lebensraum, der persönlichen Arbeit, meinen Beziehungsfeldern und meinem Umgang mit der Zeit angefragt. Essen kann auch zum Genuss werden, kleine Mengen können den Wert steigern und die Kreativität fördern, ein knappes Zeitdeputat drängt zur Unterscheidung.

Essen, Menschsein und Leben sind Genuss, Wertebewusstsein, Kreativität und Unterscheidungsfähigkeit. Leben erscheint in einer neuen Dimension: dem Gemüse im eigenen Garten zuschauen, wie es wächst, das Fleisch beim Metzger im Dorf einkaufen und einen Plausch halten, neue Gerichte ausprobieren und überlegen, was meiner Familie heute schmeckt: „Man ist, was man isst!“

Der Autor, Beda Maria Sonnenberg OSB, ist Abt des Benediktinerklosters Plankstetten.