Gastkommentar: Christliche Tradition wahren

Von Monsignore Georg Austen

Die Adventszeit hat begonnen, vor uns liegt das Fest der Menschwerdung Gottes. Diese Zeit gilt aber auch als die Zeit der Familie, der Weihnachtsmärkte, des Glühweintrinkens, als die Zeit übersteigerter Erwartungen und zunehmender Kommerzialisierung. Bereits im August füllen sich die Einkaufshäuser mit Weihnachtsschmuck, Lebkuchen und Weihnachtsmännern. In vielen Städten hängt sogar schon seit Wochen die Weihnachtsbeleuchtung und die Menschen hasten ruhelos durch die Innenstädte. Gefühlt fängt die Vorweihnachtszeit – die sonst auch als Stille und Zeit der Umkehr verstanden wurde – immer früher an.

Diese Entwicklung birgt die Gefahr der Verflachung unserer Kultur. Das zeigt auch die weitgehende Verwandlung des heiligen Nikolaus in den Weihnachtsmann. Der Erstere wurde auf alten Bildern als asketischer Charakterkopf dargestellt, der Letztere ist ein gemütliches Dickerchen im rot-weißen Mantel. Und während der Nikolaus für seine Glaubensfestigkeit und Nächstenliebe verehrt wurde, ist der Weihnachtsmann oftmals nur noch ein substanzarmer Geschenkebringer. Die Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ des Bonifatiuswerkes möchte augenzwinkernd die wertvollen Traditionen des Nikolausfestes in den Mittelpunkt rücken, denn die Gestalt des Nikolaus, verbunden mit christlichen Werten wie Nächstenliebe, solidarisches Handeln und Uneigennützigkeit, hat nicht nur den Kindern für die heutige Zeit viel zu sagen. Es geht um die Frage, inwieweit verlieren wir unser gewachsenes Brauchtum und damit verbunden unsere wertvollen christlichen Traditionen und Werte aus den Augen? Lassen Sie uns den Blick wieder auf den von Gott geschaffenen Menschen an sich richten, indem wir die Adventszeit wieder als Vorbereitung auf Weihnachten verstehen. Die Adventszeit ist eine spirituelle und menschliche Chance. Sie lädt dazu ein, Gott auch in unseren Herzen ankommen zu lassen.

Christliches Brauchtum und christliche Rituale sind immer dem letzten Daseinssinn auf der Spur. Sie wollen die schönsten und auch die traurigen Seiten unseres Glaubens und Lebens mit allen Sinnen deuten sowie Verknüpfungspunkte zu den je eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen herstellen. Gerade junge Menschen sollen im Brauchtum etwas erfahren können, das sie trägt. Das Kirchenjahr ist ein wahrer Schatz an Glaubens- und Lebensweisheit, den es in unserer Zeit neu zu erschließen gilt. Wer nicht weiß, wo seine eigenen Wurzeln liegen, der weiß im Regelfall auch nicht, wohin er zukünftig – gesellschaftlich und kirchlich – eigentlich will. Christliche Bräuche tragen so zur sinnvollen Lebens- und Glaubensdeutung bei und helfen, dass Gott in den Sinn kommen kann.

Der Autor ist Generalsekretär

des Bonifatiuswerkes.