Gastkommentar: Christenpflicht Flüchtlingshilfe

Von Heiner Emrich

Sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung wird die Hilfe für Flüchtlinge in jüngster Zeit zunehmend als nicht tragbare Belastung bewertet. Es werden die – tatsächlich vorhandenen – Probleme in den Vordergrund gestellt und die Furcht vor einer Veränderung unserer Gesellschaft. Dabei wird vergessen, dass die zuerst zu beantwortende Frage diejenige ist, wie Menschen, deren Leib und Leben gefährdet ist, geholfen werden kann. Es steht außer Zweifel, dass die Hilfe für Menschen in Not einen erheblichen menschlichen und finanziellen Einsatz erfordert. Allerdings widerspricht es dem Gebot der Menschlichkeit, diesen Einsatz als untragbar erscheinen zu lassen. Christliche Nächstenliebe fordert, Menschen aus ihrer schweren Not zu befreien durch zumindest vorübergehende Aufnahme. Es widerspricht der Menschlichkeit, den Einsatz für gefährdete und notleidende Menschen aufzugeben, um sich eigene Belastungen zu ersparen.

Es wäre gut gewesen, wenn die jetzt bestehenden gravierenden Konflikte in einem früheren Stadium durch diplomatischen Gesprächseinsatz hätten vermieden werden können. Die Tatsache, dass jetzt für Verhandlungen mit dem syrischen Herrscher Assad plädiert und dazu auch eine Kooperation mit dem russischen Präsidenten Putin angestrebt wird, zeigt, dass vorher etwas versäumt wurde. Die Politik muss frühzeitiger versuchen, durch einen Einsatz für den Frieden die Entstehung von Notsituationen zu verhindern. Unterbleiben allerdings derartige Bemühungen und wird durch kämpferische Auseinandersetzungen stattdessen eine für die Menschen nicht mehr tragbare Situation geschaffen, dann muss im Sinne der Solidarität den betroffenen Mitmenschen geholfen werden. „Mauern und Stacheldraht sind unchristlich“. Kardinal Marx und der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm haben Recht, wenn sie dies formulieren und zu den notwendigen Maßnahmen klarstellen: „Gott hat uns das auf die Tagesordnung gesetzt.“

Selbst wenn die Zahl der Flüchtlinge jetzt in die Millionen steigt, stellt sie doch nur einen kleinen Prozentsatz unserer derzeitigen Bevölkerung dar. Durch ihn wird sich zwar unsere Gesellschaft verändern, wie stark und in welche Richtung hängt allerdings davon ab, auf welchem Fundament wir stehen. Wer in Todesangst vor Islamistischen Extremisten flieht und von Christen freundlich aufgenommen wird, hat nicht die Absicht, etwas gegen eine friedliche christliche Gesellschaft zu unternehmen.

Entsprechend muss die Politik dafür sorgen, dass – wenn sie es schon nicht geschafft hat, die Lebensverhältnisse in den betroffenen Ländern zu stabilisieren – zumindest eine Unterscheidung herbeigeführt wird zwischen denjenigen, die tatsächlich in ihrer früheren Heimat um Leib und Leben fürchten mussten, und denjenigen, die durch Zuzug nur eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lebensverhältnisse herbeiführen möchten. Bei letzteren kann der Zuzug begrenzt werden, bei den erstgenannten nicht. Ihnen ist Asyl zu gewähren und jeder Christ hat die Verpflichtung, sich für diese Menschen einzusetzen.