Gastkommentar: Aushöhlung der Symbolik

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Bischof Heinz Josef Algermissen Foto: dpa
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Wir wissen nichts über die Zeit der Geburt Jesu. Die Überlieferung setzte sie im Blick auf die Hirten, die „Nachtwache bei ihrer Herde“ (Lk 2, 8) hielten, in die Nacht. Vor allem war es eine Textstelle aus dem alttestamentlichen Weisheitsbuch, das eine genauere Zeit vorgab: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, vom Himmel herab, vom königlichen Thron“ (Weish 18, 14–15a).

Nicht der Nachmittag, nicht der Abend, vielmehr die tiefe Nacht ist es, in der das geschieht, wie es in einem Lobpreis, ähnlich dem österlichen Exsultet, heißt: „O wahrhaft selige Nacht, strahlender als alle anderen Nächte. Dir allein war es vergönnt, Zeit und Stunde zu wissen, in der Gottes Sohn aus dem Schoß der Jungfrau hervortrat.“

Dass die „Mitte der Nacht“ nicht gleichzusetzen ist mit unserer Mitternacht, ist wohl klar. Es ist zunächst die tiefste Nacht gemeint, und das ist eine Aussage über die Befindlichkeit der Welt, die der Dichter Paul Gerhardt (im Jahre 1653) in seinem Weihnachtslied (GL 141) so ausdrückte: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warst meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.“

Für die Liturgie bleibt die „Mitternacht“ ein wichtiges Zeichen. Dieser Zeitpunkt war bis in das 20. Jahrhundert hinein festgeschrieben, die „Mette“ konnte allenfalls auf den sehr frühen Morgen des 25. Dezember verschoben, nicht aber in den Abend des 24. Dezember hinein vorverlegt werden. Das geschah erst nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) in großem Stil. Vor allem die nachmittäglichen „Kinderchristmetten“ an Heiligabend haben heute den größten Zulauf und höhlen nicht nur den eigentlichen Weihnachtstag, sondern auch die Hl. Nacht aus, deformieren deren theologischen und liturgischen Sinn. Es ist ein klassisches Eigentor, dass in den nachmittäglichen Gottesdiensten bereits die Texte der Hl. Nacht verwendet werden können. So wird von der Kirche selbst ihre eigene Botschaft und Symbolik ad absurdum geführt.

Darüber zu klagen, dass in der Öffentlichkeit das Wissen um die christlichen Feste rapide schwindet oder mitunter schon ganz verloren erscheint, ist eine Sache. Die Kirche und deren Hirten müssen sich aber auch fragen, ob sie nicht selbst dazu beitragen, indem sie zu wenig auf eine stimmige Feier der Liturgie der Festzeiten und auf eine erhellende Katechese Wert legen. Wie der Glaube gefeiert und wie darüber gesprochen wird, hat Auswirkungen auf den Glauben selbst. Eine Sensibilisierung in diesem Zusammenhang ist für mich ein Schwerpunkt im „Jahr des Glaubens“. Es wäre daher wichtig, dass sich die Kirche, gegen „alle Welt“, die bereits am 24. Dezember Weihnachten inszeniert, treu bleibt, um sich selbst nicht zu verlieren.

Die beiden großen Feste der Kirche, das Weihnachts- und das Osterfest, beginnen im Dunkel der Nacht, denn das ist Gottes große Zeit: In der Mitte der Nacht wurde Gottes Sohn geboren, im Dunkel der Nacht erstand er vom Tod.

Der Autor ist Bischof von Fulda.