GLOSSE: Subsidiäre Wasser der Kritik

Es gibt eine subsidiäre Ordnung der Kritik: Schüler wissen genau, was Lehrer alles falsch machen. Lehrer wissen, warum der Direktor ein Trottel ist. Direktoren wissen, was das Ministerium verbockt. Sie alle würden stets wissen, wie es besser zu machen wäre. So ist es auch in der Politik: Landespolitiker kritisieren rituell die Bundespolitik. Die nationale Ebene kritisiert die europäische. In jedem Fall (von Schülern bis zu Staatenlenkern) ist es ein Leichtes, zu beweisen, warum der jeweils Kritisierte an allem schuld ist. Das Geheimnis der subsidiären Kritik ist, dass ihr Wasser stets nur nach oben fließt. Der Minister darf es sich mit den Direktoren ebenso wenig pauschal verscherzen wie diese mit ihren Lehrern und jene wiederum mit ihren Schülern. So auch in der Politik: Hier sind „die in Brüssel“ final an allem schuld – aber wehe ihnen, wenn sie den Spieß umdrehen!

Viviane Reding hat es getan, und weil sie eine tapfere Luxemburgerin ist, verprügelte sie nicht einen kleinen Griechen oder Dänen auf offener Bühne, sondern den Sonnenkönig höchstselbst: Nicolas le Grand. Der schlug – die subsidiäre Ordnung wiederherstellend – nach dem bewährten Prinzip „L' état c' est moi“ zurück. Hier aber findet das Subsidiaritätsprinzip seine Grenze, denn es gibt einen Stand, der jeden und alles kritisieren darf: uns Journalisten. Also kritisierten wir Journalisten zunächst Sarkozy für seine Roma-Politik, um jetzt die EU-Kommission zu kritisieren, weil sie Paris „nur“ ein Ultimatum stellte, also „vor Sarkozy in die Knie“ ging. „Die in Brüssel“, die wir meist für ihren maßlosen Zentralismus kritisieren, hätten zumindest in Paris einmarschieren, Sarkozy exkommunizieren und Frankreich aus der Euro-Zone werfen können, oder? Nur gut, dass uns Journalisten keiner kritisieren darf! Außer unseren Lesern natürlich. Stephan Baier