GLOSSE: Kulinarische Plagiate

Das ist Europa! Ein schwedisches Familienunternehmen produziert türkisches Joghurt und bewirbt es mit dem Konterfei eines Griechen! Dem kam das allerdings spanisch vor, und so zog er gegen die Schweden zu Felde. Nicht um sie hinter schwedische Gardinen zu bringen, sondern um zu kassieren. Immerhin hatte schon sein Urgroßvater 1821 im griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken gekämpft! Also mussten die Schweden dank europäischem Rechtsraum dem getürkten Griechen nun 200 000 Euro Schadensersatz zahlen. Das ist zwar keine angemessene Entschädigung für vier Jahrhunderte osmanischer Besetzung (weshalb der griechische Händler ursprünglich 5,3 Millionen Euro wollte), wohl aber für die irreführende Verwendung eines zugegebenermaßen eindrucksvollen Bartes samt dahinter liegendem Gesicht.

Zu ihrem Glück sind die Schweden nicht auf die Idee gekommen, die Schadensersatzzahlung zu vermeiden, indem sie türkisches Joghurt als „original griechisches Joghurt“ verkaufen. Das hätte Ankara auf die Idee bringen können, im Sinn der EU-Richtlinie zu den Ursprungsbezeichnungen die weltbekannte griechische Küche des Plagiats zu überführen. Für welche Teile der griechischen Küche, einschließlich des Joghurts, könnten die Türken kein Patent beanspruchen? Doch auf diesem historisch-kulinarischen Parkett können sich EU-Richter ohnehin nur vorsichtig bewegen. Wer wollte beurteilen, ob das Wiener Schnitzel eine Scaloppina alla milanese war? Wer will Bürgerkriege riskieren, nur um den Napoletanern die Erfindung der Pizza streitig zu machen? Das war und ist Europa: Jeder plagiiert und kopiert das Beste aus der Küche des anderen. Wie eben die Schweden, die türkisches Joghurt mit griechischem Bart verkaufen. Stephan Baier